Als ich um 20 Uhr die St. Michael Parish Hall in Baddeck betrete, sind alle Plätze besetzt. Klappstühle stehen dicht nebeneinander, Besucher warten. Vorn ein Podium mit Klavier und Mikrofon, hinten die Durchreiche zur Küche.
Am Eingang sammelt ein Mann den Eintritt ein: sieben Dollar fünfzig. „No plastic“, sagt er freundlich. Keine Kartenzahlung. Also noch einmal zum Geldautomaten um die Ecke und zurück. Als ich wieder hereinkomme, ist es lauter.
Der Mann heißt John Berk. Hauptberuflich ist er Bankangestellter, hauptsächlich aber Fan keltischer Musik. Seit Ende der Neunzigerjahre mietet er regelmäßig den Saal und lädt Musiker aus der Gegend ein. Der inzwischen weithin populäre Abend heißt Baddeck Gathering Ceilidh.
Die Vorstellung beginnt unspektakulär: Tunes, kurze Ansagen, Applaus. Danach holen Besucher ihre Geigen hervor. Ich ebenfalls. Zwei Männer stimmen Fiddles, jemand setzt sich ans Klavier. Gespräche verstummen, der erste Tune beginnt. Während ich mich einspiele, denke ich an die Strecke zurück, die mich hierhergeführt hat.
Der Cabot Trail gehört zu den großen Traumküstenstraßen der Welt. Auf rund 300 Kilometern umrundet er die Nordspitze Cape Breton Islands, die größte Insel der Atlantikprovinz Nova Scotia. Er führt vorbei an schroffen Klippen, einsamen Buchten und den Highlands. Er allein ist den Trip wert.
Doch Nova Scotia hat noch eine andere, weniger sichtbare Facette: eine tief verwurzelte gälische Kultur. Schottische Einwanderer brachten Sprache, Lieder und Fiddle-Musik im 18. und 19. Jahrhundert in die Provinz. Sie gilt als eines der wichtigsten Zentren schottisch-gälischer Kultur außerhalb Schottlands.
Wer den Cabot Trail nicht nur mit den Augen erleben will, kann seiner Musik folgen: In Pubs, Gemeindehallen und auf Festivalbühnen wird sie bis heute gespielt, getanzt und weitergegeben. Der Roadtrip beginnt mit beidem - Landschaft und Musik.
Kurz nach dem Canso Causeway vom neuschottischen Festland empfängt mich Cape Breton Island stilgerecht mit „Long Night“ von Rawlins Cross im Radio. Dudelsack, Tin Whistle, Bodhrán, E-Gitarre, Bass, Schlagzeug - Gaelic Rock pur.
Die berühmten Herbstfarben leuchten, aber ich möchte die gälische Musiktradition kennenlernen. Sieben Jahre Geigenunterricht, einige Auftritte und meine Geige im Gepäck - genug, um gelegentlich mitzuspielen. Denke ich.
Doch schon im Buddy MacMaster Fiddle Camp in Judique, dem „Home of Celtic Music“ im Südosten der Insel, zeigt sich: Ganz so einfach wird es nicht. Fiddle-Lehrer Kenneth MacKenzie spielt vor, wir fünf Schüler hören zu und versuchen nachzuspielen. Noten gibt es nicht. Tunes wurden nur mündlich weitergegeben. Jeder Griff lebt von Erfahrung und Gehör.
Beim Mittagessen im Celtic Music Interpretive Center zeigt sich die Lebenskraft dieser Musik. „The real deal“, flüstert mein Mitschüler Dan, während Kenneth von einem kleinen Podest aus mal eben „Miss Lyall’s Reel“ raushaut – kantig, kraftvoll.
Drei Generationen sitzen an eng zusammengestellten Tischen zusammen und belohnen jeden Rhythmuswechsel mit einem herzhaften „Yes!“. Aus dem Lunch wird ein Ceilidh, das traditionelle Miteinander bei Musik, Essen und Gelächter. Schon am ersten Tag fühle ich mich wie im Wohnzimmer der Insel.
„Wir sind Teil eines gemeinsamen Erlebens, eine Art social experience“, erklärt Kennenth später. „Auf Cape Breton Island geht es ums Miteinander. Du kannst auf großen Bühnen spielen und zugleich in kleinen Pubs wie dem „Red Shoe” in Mabou - und dort riskieren, ausgelacht zu werden, weil keiner tanzt. Hier gehört Musik allen.“
Am nächsten Tag fahre ich nach St. Ann's. Die Straße 19 führt entlang rauer Küsten, stiller Buchten und Wälder in Herbstfarben. Ein Sprichwort kommt mir in den Sinn: „Die Welt wird klein, wenn Freundschaft da ist.“ Kenneth sagte, solche Sprüche seien Schlüssel zur gälischen Kultur. Landschaft und Musik verschmelzen.
St. Ann's liegt am Ende einer Bucht. Auf einer Anhöhe steht das Gaelic College, das einzige Zentrum für gälische Sprache und Kultur in Kanada. Während des Celtic Colours International Festival treffen sich hier nachts viele Musiker, die tagsüber irgendwo gespielt haben, in der informelleren Atmosphäre des dafür gedachten Festival Club. Oder jammen von 23 bis 3 Uhr in der dortigen Great Hall of Clans.
Als ich kurz nach Mitternacht eintreffe, ist der Saal voll, doch die Technik streikt. „Talk with each other“, „redet miteinander“, ruft die Fiddlerin Wendy MacIsaac und hantiert mit Kabeln und Steckern. Dann läuft der Ton wieder. Begleitet von einem Teenager am E-Piano spielt Wendy traditionelle Reels, der Caller ruft die Figuren aus. „Strip the Willow“, „die Weide entrinden“, heißt die Dreh-Tanzfolge. Ich tanze mit, verheddere mich und werde von Fremden lachend wieder richtig gedreht.
Am folgenden Abend sehe ich Wendy erneut - diesmal in Belle Côte bei Chéticamp an der Nordwestküste. Im Gemeindesaal treten die Bands Beòlach und Breabach aus Schottland auf. Ich frage Wendy, wie lange sie im Festival Club war. „Lange“, sagt sie und grinst. „Fiddling ist keine Arbeit. Zu den Gigs fahren - das ist Arbeit.“
Wendy MacIsaac trägt den Ehrentitel „Culture Bearer“ und wuchs mit der Musik Cape Bretons auf. Als Mitgründerin von Beòlach verbindet sie akadische, irische und schottische Einflüsse. Als beide Gruppen „Annie's New Heart Jigs“ spielen, wird klar, warum der Sound so beliebt ist: Dudelsäcke, Tin Whistle, Fiddles, Gitarren, Bass und Piano greifen ineinander. Die Fans stampfen und jubeln.
Am nächsten Morgen verlasse ich Chéticamp früh. Vor mir liegt der Cabot Trail. Nebel zieht über Fichten, links fällt die Küste zum Atlantik ab. Ein Fels, La Bloc, ragt ins Meer. Ein Abstecher führt zum Skyline Trail im Cape Breton Highlands National Park, ein rund acht Kilometer langer Rundwanderweg. Von oben zeigt sich die Küste. Im Kopfhörer läuft „Rise Again“ der Rankin Family aus Mabou.
Die letzte Station meines Roadtrips ist Baddeck am Bras d'Or Lake. Ein Paar aus Boston, das ich im „Highwheeler Cafe & Bakery“ treffe, empfiehlt mir für den Abend die St. Michael Parish Hall. Nachmittags schaue ich bei Ceilidhs in Kneipen an der Chebucto Street vorbei, trinke ein Bier, schwatze mit Leuten.
Fest steht: Die gälische Seele der Insel ist quicklebendig. Während des neuntägigen Celtic Colours Festival im Oktober zeigt sie sich besonders deutlich. In Dutzenden Pubs, Schulaulen, Gemeindezentren und sogar Feuerwehrstationen finden rund 50 Konzerte und Sessions statt.
Auf Cape Breton Island ist Musik kein Programmpunkt für Touristen - die allerdings willkommen sind. Sie gehört zum Alltag. Und ist der schönste Türöffner zu den Herzen der Menschen. „Die Welt wird klein, wenn Freundschaft da ist.“
Reiseziel: Die Insel Cape Breton liegt im Nordosten der kanadischen Provinz Nova Scotia und ist über einen Damm mit dem Festland verbunden. Die Insel hat eine stark schottischstämmige Bevölkerung; gälische Traditionen und Musik prägen das kulturelle Leben. Größte Attraktion ist der Cabot Trail, eine traumhafte Küstenstraße mit weiten Ausblicken auf den Atlantik.
Beste Reisezeit: Die beste Reisezeit für Cape Breton Island ist der Herbst während des Celtic Colours International Festivals (2026 vom 9. bis 17. Oktober), wenn Musik, Kultur und Herbstfarben zusammenkommen. Auch beliebt: der Sommer von Juni bis September, gut für Rundfahrten und Outdoor-Aktivitäten.
Anreise: Discover Airlines bietet saisonal eine Direktflugverbindung ab Frankfurt nach Halifax an. Ansonsten muss ab Deutschland mit einem Zwischenstopp gerechnet werden.
Der Cabot Trail: Der Cabot Trail ist eine knapp 300 Kilometer lange Ringstraße, die an der Küste Cape Breton Islands und dabei auch durch den Cape Breton Highlands National Park führt (novascotia.com/get-inspired/top-25/explore-the-cabot-trail).
Unterkunft: „Archer's Edge Glamping“ nahe Judique, luxuriöse Domes mit Meeresblick (archersedge.info); „St. Ann's Motel“ nahe am Gaelic College, nüchternes Motel mit Blick auf St. Ann's Bay (stannsmotel.com); „The Cornerstone Motel“ bei Chéticamp am Eingang zum Cape Breton Highlands National Park (cornerstonemotel.com); „The Inverary Resort“ feines Resort mit Seeblick in Baddeck (inveraryresort.com). Weitere Unterkünfte auf cbisland.com und cabottrail.com/where-to-stay.html.
Musik und Konzerte: Tickets für das Celtic Colours Festival (celtic-colours.com) und das Baddeck Gathering Ceilidh (baddeckgathering.com) gibt es online.
Geld: Ein kanadischer Dollar (CAD) entspricht rund 0,60 Euro, das Preisniveau auf Cape Breton Island entspricht dem kanadischen Durchschnitt. Restaurants, Unterkünfte und Aktivitäten sind etwas günstiger als in Großstädten wie Toronto oder Vancouver.
Weitere Informationen: novascotia.com
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