Burghaslach: Johann Müllers Krieg endete nicht am 8. Mai | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.05.2025 11:00

Burghaslach: Johann Müllers Krieg endete nicht am 8. Mai

Jahrzehnte nach dem Krieg hatte der Burghaslacher seine Erinnerungen in ein Buch gefasst. (Repro: Andreas Reum)
Jahrzehnte nach dem Krieg hatte der Burghaslacher seine Erinnerungen in ein Buch gefasst. (Repro: Andreas Reum)
Jahrzehnte nach dem Krieg hatte der Burghaslacher seine Erinnerungen in ein Buch gefasst. (Repro: Andreas Reum)

Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg – für die meisten, aber beileibe nicht für alle. Der Burghaslacher Johann Müller gehörte zu jenen, die erst sehr viel später den Wirrnissen entkamen, die diese Katastrophe angerichtet hatte.

Als Johann Müller in den Krieg gerufen wird, ist er gerade einmal 18 Jahre alt. Der Einberufungsbefehl kam Mitte April 1942. Exakt drei Jahre später stehen die Amerikaner in Burghaslach, der Burghaslacher jedoch in Amerika – als Kriegsgefangener.

Mit 19 Jahren an die Ostfront

Die Einberufung bedeutet für den Heranwachsenden, dass er zunächst für ein paar Monate zur Fernsprecher-Ausbildung nach Amberg muss. Am 11. August, zwei Tage nach seinem 19. Geburtstag, geht es dann in Richtung Ostfront.

Nach neun Tagen ist er in Sytschowka, einer Kleinstadt 200 Kilometer westlich von Moskau. Seine „erste Feuertaufe“, wie er in seinen Tagebucheinträgen formuliert, erlebt er Anfang September bei Maschutino, noch 60 Kilometer näher an Moskau dran, bei einem russischen Panzerangriff. Müller übersteht dies unverletzt. Noch.

Weihnachten in einem Bunker

Ungemach sucht ihn dennoch heim: Läuse, die Kälte, eine Blasen- oder Nierenbeckenentzündung. Andererseits: Tausend Kilometer weiter südöstlich beginnt die deutsche Wehrmacht gerade ihren Versuch, Stalingrad (heute Wolgograd) einzunehmen und damit dem Krieg eine neue Wendung zu geben. Es hätte wohl noch schlimmere Einsatzorte geben können.

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Den Heiligabend 1942 verbringt Müller in einem immerhin warmen Bunker, „ein kleines Bäumchen mit Schmuck von zu Hause, ein extra Essen und Schnaps; es war schön“, notiert er.

Kreuz und quer an die Fronten

Zum Jahreswechsel geht es für ihn nach Nord-Frankreich, erst nahe Amiens, dann nach Messac, fast schon Bretagne. Müllers Kriegsstationen wechseln noch einige Male. Anfang Juni 1943 kommt er in Griechenland an. „Wir sahen den Olymp und viele Schildkröten“, schreibt er in sein Tagebuch, bevor es auf den Peloponnes, nach Patras, geht. Das Massaker, das die Besatzer im Dezember im nahen Kalavrita anrichteten bekam er aber schon nicht mehr mit, da war er schon wieder an der Ostfront: „Wir machten Angriffe und nahmen mehrere Dörfer ein (Dörfer in Flammen)“, notiert Müller Mitte November 43.

Der zum Gefreiten Beförderte hat Zahnschmerzen und Durchfall, wird mit seiner Einheit kurzzeitig eingekesselt und erleidet Verwundungen, für die es jedoch auch Genesungsurlaub gibt. Von diesem aus geht es für Müller im August 1944 nach Italien, das die Alliierten schon zu einem großen Teil erobert haben. „Wir kamen zum Einsatz am Arno. Und heute bin ich auch schon volljährig geworden!“, schreibt Müller am 9. August. Drei Wochen später, am 31. August, ergab sich seine Einheit kanadischen Truppen. Seine Gefangennahme beschreibt Müller als ein Gott-sei-Dank-Erlebnis.

Kopfschmerzen bei der Seefahrt

Per Schiff geht es für Johann Müller in die USA – 17 Tage auf See, das ist nichts für den Steigerwäldler: „Ich hatte immer Kopfschmerzen.“ Ab Herbst 1944 durchläuft er verschiedene Gefangenenlager, die der zeichnerisch talentierte Buchhaltergehilfe in Skizzen festhält. Im Mai 1945 war Müller im Camp Ogden, 50 Kilometer nördlich von Salt Lake City. Für den 7. Mai, als in Ogden alle Glocken läuten, notiert Müller: „Es schien so als wäre der Krieg zu Ende.“ Am 9. Mai wird im Camp eine halbe Stunde Arbeitspause angeordnet – „wegen bedingungsloser Kapitulation“.

Erst ein Dreivierteljahr später geht es für Müller von Kalifornien aus und durch den Panama-Kanal zurück nach Europa, wo das Schiff Mitte März 1946 in Liverpool anlegt. „Wir sind nach England gekommen, um zur Arbeit eingesetzt zu werden“, erkennt Müller, womit sich seine Hoffnung auf eine Heimkehr nach Burghaslach zunächst zerschlägt. Die Arbeit war in einem Kaliwerk.

Doch Müller widmet sich noch einer selbst gewählten Tätigkeit. Der findige und als Bastler geschickte junge Mann stellte Latschen aus geflochtenem Sackfädenmaterial her. Einige der Hausschuhe, die dabei entstanden, waren vor ein paar Jahren im Bad Windsheimer Freilichtmuseum ausgestellt.

Rückkehr nach Burghaslach im Januar 1948

Gelegentlich trifft Johann Müller sowohl im Krieg als auch in Gefangenschaft auf Bekannte aus der Heimat. Das ist ihm dann einen Vermerk in seinen Notizbüchern wert. Die Freundschaften, die sich in solchen Schicksalsgemeinschaften bilden, geben dem jungen Mann offenbar Halt, bis die Gefangenenzeit und seine unfreiwillige „Weltreise“, wie er jene Jahre betitelt, im Januar 1948 für ihn enden.

Über Hammelburg, wo ihm seine Entlassungspapiere ausgestellt werden, und einem kurzen Zwischenstopp in Bamberg kommt Müller am 27. Januar 1948 in Burghaslach an. Am Morgen jenes Dienstags „rief ich per Telefon zu Hause an und wurde dann am Bahnhof Burghaslach von der BayWa mit einem Lieferwagen abgeholt“, notiert Müller und berichtet von der großen Freude in der Familie.

In gewisser Weise war für Johann Müller der Krieg also zweimal zu Ende: das erste Mal deutlich vor dem 8. Mai 1945, das zweite Mal weit – fast drei Jahre – danach.

Zur Person

Johann Müller (9. August 1923 bis 16. März 2022) war der zweite Sohn von Elisabeth und Ulrich Müller. Der Vater war Schreinermeister und im Ort eine Zeit lang der Feuerwehrkommandant. Die Familie hatte Wohnung und Werkstatt, im Haus Nummer 60 (am heutigen südlichen Marktplatz), gegenüber der einstigen Brauerei Fritz Finster und nahe der Burghaslacher Synagoge.
In seiner Kinder- und Jugendzeit war Johann Müller ab 1933 zunächst im Jungvolk und fünf Jahre später dann „automatisch“, wie er in seinen Erinnerungen schrieb, in der Hitlerjugend. Den 1941 anstehenden, eigentlich ebenfalls automatischen Übertritt in die NSDAP habe er jedoch abgelehnt, was ihm beim Burghaslacher Ortsgruppenleiter Ludwig Jeckel „ein gespanntes Gespräch“ eingetragen, ansonsten jedoch keine Auswirkungen gehabt habe.
Nach der damals siebenjährigen Volksschulzeit trat der noch 14-Jährige bei der örtlichen BayWa eine Lehre als Kaufmannsgehilfe an, die er im Frühjahr 1941 abschloss. Die BayWa übernahm ihn als Buchhalter und stellte ihn auch wieder als solchen an, als Johann Müller 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Innerhalb der BayWa wechselte Müller später die Stelle vom Buchhalter zum Disponenten; Ende 1982 ging er – gesundheitsbedingt – in den vorzeitigen Ruhestand.
Im Mai 1951 heiratete Johann Müller die Dutendorferin Anna Keck. Das Paar bekam vier Töchter. Von den letztgeborenen Zwillingen verstarb jedoch ein Mädchen kurz nach der Geburt.Im Jahr 2001, in bereits fortgeschrittenem Alter und Jahrzehnte nach dem Kriegsende, fasste Müller seine einst in Krieg und Gefangenschaft angefertigten Notizen in einem kleinen, selbstverlegten Buch „So sind wir Weltreisende geworden“ zusammen.

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