Blütezeiten und Hetze in Rothenburgs jüdischer Geschichte | FLZ.de

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Veröffentlicht am 18.10.2024 08:00

Blütezeiten und Hetze in Rothenburgs jüdischer Geschichte

Am Kapellenplatz stand die erste Synagoge. Auf diesem Kupferstich von Johann Friedrich Schmidt, der in der Judaika im RothenburgMuseum gezeigt wird, ist sie bereits zur Kapelle umgebaut. (Repro: Simone Hedler)
Am Kapellenplatz stand die erste Synagoge. Auf diesem Kupferstich von Johann Friedrich Schmidt, der in der Judaika im RothenburgMuseum gezeigt wird, ist sie bereits zur Kapelle umgebaut. (Repro: Simone Hedler)
Am Kapellenplatz stand die erste Synagoge. Auf diesem Kupferstich von Johann Friedrich Schmidt, der in der Judaika im RothenburgMuseum gezeigt wird, ist sie bereits zur Kapelle umgebaut. (Repro: Simone Hedler)

Die Anerkennung Rothenburgs als Reichsstadt vor 750 Jahren wird das ganze Jahr 2024 groß gefeiert. Wir beteiligen uns an dem historischen Jubiläum mit einer Artikelserie, die den Weg der Stadt nachzeichnet: von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Diesmal geht es um die Rolle der jüdischen Bevölkerung in dieser Zeit.

Jüdische Besucherinnen und Besucher aus aller Welt kommen jedes Jahr nach Rothenburg. Seit dem Jahr 2000 gibt es spezielle Stadtführungen, unter anderem unter der Leitung von Lothar Schmidt. Der weiß: Die Bedeutung Rothenburgs für den jüdischen Glauben liegt vor allem an einer ganz bestimmten Person. An Rabbi Meir ben Baruch nämlich, der im 13. Jahrhundert fast 40 Jahre lang in der Stadt gewirkt hat. Ein zweiter Grund kam kürzlich dazu: Eine Mikwe aus dem Jahr 1409, die im Gebäude Judengasse 10 entdeckt wurde.

Der Rabbi gilt als die bedeutendste Persönlichkeit des Judentums im mittelalterlichen Deutschland. In Paris erlebte er 1242 die öffentliche Verbrennung jüdischer Schriften, die Pariser Talmudverbrennung. Sein Trauerlied darüber wird in den Synagogen bis heute gesungen, außerdem gilt er als eine der wichtigsten Autoritäten in jüdischen Rechtsfragen. Detaillierte Informationen über den Rabbi lassen sich in der Aufsatzsammlung „Zur Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Rothenburg ob der Tauber“ nachlesen.

Talmud-Schüler aus ganz Europa

Um das Jahr 1246 kam Rabbi Meir ben Baruch nach Rothenburg und baute hier seine Talmudschule auf, die Schüler aus ganz Europa anzog. Da war die jüdische Gemeinde in der Stadt vermutlich schon einige Jahrzehnte alt. Erstmals erwähnt wurde ein Jude nämlich schon im Jahr 1180. Die Quellenlage sei nicht immer einfach, sagt Dr. Oliver Gußmann. Er ist evangelischer Pfarrer und ebenfalls Experte für die jüdische Geschichte der Stadt. Eines aber kann er mit Sicherheit sagen: Es war ein ständiges Hin und Her zwischen Blütezeit und brutaler Verfolgung.

Als das Reichsstadt-Privileg unter Rudolf von Habsburg verliehen wurde und die Stadt florierte, erlebten auch die Juden gerade eine Blütezeit. Mit etwa 500 Mitgliedern machte die jüdische Gemeinde rund zehn Prozent der Bevölkerung aus.

Die Wirkungsstätte von Rabbi Meir ben Baruch

Ihr Ansehen zeigte sich auch in dem privilegierten Platz, den sie in der Stadt zugewiesen bekamen. Den heutigen Kapellenplatz, zentral gelegen und mit unmittelbarem Zugang zum Marktplatz. Hier standen rings um die Synagoge Wohnhäuser, ein Judentanzhaus, eine Mikwe und eine zweistöckige Talmudschule mit 21 Zimmern und einem Lehrsaal: die Wirkungsstätte von Rabbi Meir ben Baruch.

Die Reichsstadt-Bestätigung Rothenburgs lag zwölf Jahre zurück, als der Rabbi floh. Warum? „Genau weiß man es nicht“, so Gußmann. Aber zu der Zeit flüchteten viele Juden aus dem Reich. Denn seit 1284 belastete König Rudolf von Habsburg die Juden mit besonders hohen Steuern.

Meir ben Baruch wurde gefasst und an den König ausgeliefert. Für 2000 Mark Silber hätte man ihn freikaufen können. Das war eine astronomisch hohe Summe, daher verweigerte der Rabbi selbst den Handel. Zu groß war die Furcht vor immer neuen Forderungen des Habsburgers. 1293 starb er im Elsass in einer Zelle.

Zu Tode gefoltert

Schmidt und Gußmann sind sich einig: Dieses Thema ist heute immer noch aktuell. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Sollen Gefangene freigekauft werden? „Das wird gerade im Nahost-Konflikt immer wieder diskutiert“, sagt Gußmann. Lothar Schmidt erinnert an ein Filmprojekt, für das in Rothenburg gedreht wurde. Darin wird ein Entführungsfall aus dem Jahr 2006 aufgearbeitet, der ganz Frankreich empörte. Der 23-jährige französische Jude Ilan Halimi wurde von einer Gruppe muslimischer Immigranten entführt und zu Tode gefoltert. Weil auch in diesem Fall Lösegeldzahlungen eine Rolle spielten, zogen die Filmemacher die Parallele zu Rabbi Meir ben Baruch.

Mit dem Tod des Rabbis war die jüdische Geschichte in Rothenburg noch lange nicht beendet. Es folgte jedoch mit dem Rintfleisch- und dem Pestpogrom erst einmal eine sehr düstere Phase. Erst unter Heinrich Toppler, der ab 1370 Bürgermeister war, siedelten sich wieder Juden in der Stadt an. Diesmal allerdings an einem weniger attraktiven Standort: Im Zuge der Stadterweiterung wurde der einstige Stadtgraben zugeschüttet. Darauf ließ die Stadt Häuser bauen und vermietete sie – unter anderem – an Juden. 1371 wird die Judengasse erstmals erwähnt. Ab 1375 verzeichneten die Steuerlisten eine rasch ansteigende jüdische Bevölkerung. Ein neues Judentanzhaus wurde gebaut, am heutigen Schrannenplatz begann man im Jahr 1406/1407 den Bau einer neuen Synagoge.

Hetze unter Johannes Teuschlein

Noch bevor sie fertig war, wurde 1409 das Haus in der Judengasse 10 errichtet, das vor einigen Jahren eine besondere Berühmtheit erlangte. Im Keller wurde eine Mikwe entdeckt, ein jüdisches Ritualbad – das einzige in Rothenburg. Nicht nur Juden, sondern auch Christen wohnten in diesem Teil der Stadt – „zwar nicht gemeinsam, sondern nebeneinander her“, erklärt Gußmann. Doch schon bald verschlechterte sich ihre Lage wieder. 1435 fiel das Zinsverbot für Christen. Dies führte zu Verarmung und Wegzug vieler Juden.

Das endgültige Ende besiegelte dann der fanatische Prediger Johannes Teuschlein. Er hetzte in antisemitischen Reden gegen die Juden, bis Ende 1519 der Rat der Stadt entschied, dass alle Juden bis 2. Februar 1520 die Stadt verlassen mussten. Bis zu diesem Zeitpunkt lebten noch sechs jüdische Familien in der Stadt.

Nach deren Flucht wurde die Synagoge geplündert und 1520 zur Kapelle geweiht. „Bis zum Ende der Reichsstadtzeit im Jahr 1803 lebten keine Juden mehr in Rothenburg“, erklärt Oliver Gußmann. Erst ab 1861 lebten wieder jüdische Familien in der Stadt – bis mit dem Nationalsozialismus ein weiteres dunkles Kapitel aufgeschlagen wurde.

Rothenburgs jüdische Geschichte

Mehrere Wellen der Verfolgung

Auch wenn es im reichsstädtischen Rothenburg mehrere Blütephasen der jüdischen Bevölkerung gab: Immer wiederkehrende Zeiten von Hetze, Verfolgung und Gewalt setzten ihr schmerzlich zu und vertrieben sie 1520 für eine Zeit lang komplett aus der Stadt.

  • Nur wenige Jahre nach dem Tod von Rabbi Meir ben Baruch, im Jahr 1298, verbreitete ein Ritter namens Rintfleisch die folgenreiche Lüge, Juden hätten Hostienschändung betrieben.
  • Vermutlich wollte er seine Schulden tilgen, die er bei Juden hatte. Denn nur sie durften zu dieser Zeit als Geldverleiher arbeiten, den Christen war dies verboten. In Franken wurden 4000 bis 5000 Juden getötet, in Rothenburg waren es über 400 Menschen jeder Altersstufe, darunter auch der Bruder des Rabbi.
  • Kaum hatte sich die jüdische Bevölkerung davon erholt, brach 1348 in Europa die Pest aus. Weil man die Ursache dieser verheerenden Krankheit nicht kannte, wurde sie den Juden in die Schuhe geschoben. Sie hätten das Brunnenwasser vergiftet, hieß es.
  • In Rothenburg bedeutete das Pestpogrom das endgültige Ende des jüdischen Viertels am Kapellenplatz.
  • Der jüdische Friedhof befand sich am heutigen Schrannenplatz, erzählt Lothar Schmidt – für beide jüdischen Viertel. Die Grabsteine, ebenso wie ein Gedenkstein für die Opfer des Rintfleisch-Pogroms, stehen heute in der Judaika des RothenburgMuseums.
  • Die dritte und letzte Verfolgungswelle wurde von dem Prediger Johannes Teuschlein angezettelt, der die christliche Bevölkerung gegen die jüdische aufhetzte. Nachdem alle Juden die Stadt verlassen hatten, wurde ihr Friedhof als christlicher Friedhof genutzt.

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