Oftmals sind Beschenkte im Zwiespalt. Sie packen ein Geschenk aus und denken: Ach herrje, wie blöd, wie hässlich oder was soll ich denn damit? Andererseits sind da Gedanken: Da hat sich ja jemand wirklich Mühe gegeben, Zeit investiert, zugehört und sich gemerkt, was ich mal erzählt habe. Soll ich jetzt ehrlich sein und verkünden, dass das Geschenk für mich nicht gerade toll ist?
„Nein, das sage ich nicht, sondern ich versuche zu lächeln“, sagt Imme Vogelsang, Trainerin für Etikette, Wirkungskompetenz und Empathie, und nimmt einem gleich jegliche Hoffnung auf ein elegantes Hintertürchen für eine halbwegs ehrliche Reaktion.
Da nur die wenigsten Menschen den Unterschied zwischen echter Freude und sozialem Lächeln erkennen würden, sei die Devise: Mundwinkel hochziehen und Worte finden wie „Oh, wie nett. Es ist toll, dass ihr daran gedacht habt und euch noch erinnert, was ich gesagt habe.“
Mit dieser Reaktion ist man nicht allein. „Ohhh, wie schön...“ hat schon einmal jeder Zweite gesagt und damit Freude über ein missratenes Weihnachtsgeschenk vorgetäuscht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Weihnachtsstudie des Marktforschungsinstituts Appinio, bei der im Auftrag des Onlineportals mydays 1000 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren in Deutschland befragt wurden. 56 Prozent sagten auch, dass sie enttäuschende Geschenke kennen - und nur 32 Prozent freuen sich immer über ihre Weihnachtsgeschenke.
Warum sagen wir trotzdem nicht einfach die Wahrheit? Weil ein Geschenk offenbar mehr sein kann als ein Gegenstand: 21 Prozent fühlen sich durch ein unpassendes Geschenk nicht gekannt. Aus einem missglückten Präsent kann manchmal sogar ein Konflikt werden: 19 Prozent haben sich wegen eines Geschenks schon einmal gestritten.
Ist vorgetäuschte Freude da doch nettere Weg, der auch die Mühe würdigt, die sich der Schenkende gegeben hat? „Mal ganz ehrlich“, so Vogelsang, „auch wenn ich das nicht mag, haben wir doch wahrscheinlich alle irgendwo so eine Schublade für Wandergeschenke.“ Auch das bestätigt die Studie: Vier von zehn Befragten haben ein Geschenk schon einmal weitergegeben. Imme Vogelsang würde die Fehl-Geschenke allerdings beschriften, so dass man sie nicht peinlicherweise zurückschenkt. Schlau!
Zu sagen „Das ist nett von euch, aber ganz ehrlich, das gefällt mir nicht“ ist für die Stil-Beraterin keine Option: „Wenn sich jemand Mühe gegeben hat und mir eine Freude machen wollte, ist das einfach so verletzend und drückt echt mangelnde Wertschätzung aus.“
Und wenn ein geschmacksverirrtes Geschenk, etwa ein extra angefertigtes Schmuckstück vom Partner oder der Partnerin kommt? Dann wäre es für Imme Vogelsang ein No-Go zu sagen: „”Du, ganz ehrlich, das gefällt mir nicht. Ich würde das jetzt gerne einschmelzen und mir da was anderes draus machen lassen.” Das kann ich einfach nicht machen.“
Man könne höchstens später mal sagen: „Ach, wenn du noch mal irgendwie Schmuck schenken möchtest, dann lass uns das doch mal zusammen aussuchen. Wenn etwas extra angefertigt wird, bringt mir das solchen Spaß zu gucken, wie so etwas hinterher aussehen könnte.“ Doch trotz netter Formulierung, gibt die Etikette-Trainerin zu bedenken, dass die indirekte Kritik dennoch total verletzend aufgenommen werden kann.
Es gäbe sicher Menschen, die sich sagen: Ich bleib mir treu und bin einfach nur ehrlich - was soll's? Aber die sollten sich fragen, ob das diese Kränkung wert ist und nicht unterschätzen: „Jeder Mensch - und wirklich jeder - fühlt sich da ein bisschen gekränkt“, sagt Vogelsang. Wenn eine Eitelkeit verletzt wird, sei das nichts, was man mal eben wegschieben kann: „Das ploppt irgendwann wieder hoch. Insofern, ich würde lieber einmal runterschlucken und den Schmuck auch ab und an tragen.“
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