Sie sind mehr als nur Haustiere, sie sind unverzichtbare Begleiter und Helfer für Menschen mit Sehbehinderungen im Alltag. Diese speziellen Vierbeiner unterstützen die Mobilität und Unabhängigkeit, sind treue Gefährten. Blindenführhund Timmi ist seit Jahren Teil des Lebens von Andrea Conner.
Die beiden sind ein gut eingespieltes Team. Sobald er sein Geschirr trägt, ist der zehnjährige Labrador im Arbeitsmodus, erzählt die Schauerheimerin, die inzwischen keine Restsehfähigkeit mehr hat. Dann weicht Timmi nicht von ihrer Seite, lässt sich nicht ablenken. Er führt sein Frauchen um Hindernisse, erkennt Kanten, Treppen, Straßenschilder. Er ist ein Hilfsmittel, aber vor allem ein Vertrauter, ein Gefährte. Sein Mensch hält über einen stabilen Führbügel Kontakt zu ihm. So erkennt der Hund frühzeitig Änderungen der Richtung und merkt sofort, wenn sein menschlicher Gespannpartner stehen bleibt.
Timmi reagiert wie die anderen Blindenführhunde auf Sprachbefehle wie etwa „nach Hause”, „Ausgang”, „Eingang”, „Treppe”, „an Bord” (für an die Bordsteinkante), oder auch das „Such Ampel”. Wege, die man oft läuft, hat er verinnerlicht.
Wenn Timmi sein Geschirr trägt, ist er im Dienst. Dann gilt es, unbedingt, das zu beherzigen, was auf einem Schildchen gut sichtbar zu lesen ist. „Nicht streicheln, ich arbeite.” Wenn man ihm oder einem anderen Blindenführhund begegnet, darf er nicht geknuddelt oder abgelenkt werden. „Einfach ignorieren”, sagt Conner. Timmi muss sich konzentrieren, sonst könne es für Blinde lebensgefährlich werden. Das gilt auch für andere Assistenzhunde.
Der Labrador ist überall dabei, auch beim Einkaufen im Supermarkt. Das darf er auch im Gegensatz zu seinen Artgenossen, die keine Assistenzhunde sind. Timmi und seinen „Arbeitskolleginnen und -kollegen auf vier Pfoten” darf der Zutritt nicht verweigert werden. Umso mehr ärgert es Andrea Conner, wenn Kundinnen und Kunden oder gar Geschäftsführer sich darüber aufregen. Sie kann sich an einen Fall erinnern, wo sie und ihr Hund herausgeschmissen wurden. „Das hat mich geschockt und macht mich traurig.”
Die Mutter einer erwachsenen Tochter wünscht sich hier mehr Kompromissbereitschaft, Toleranz und Aufmerksamkeit, die viele Menschen Sehbeeinträchtigten und Blinden gegenüber auch durchaus zeigen. Ausnahmen gibt es natürlich leider auch. Beim Arztbesuch ist Timmi auch dabei. „Das kann man uns nicht verbieten.” Sie kann verstehen, dass Leute, die Angst vor Hunden haben, eine gewisse Distanz wahren. Das ist okay. Aber für sie ist Timmis Anwesenheit wichtig und in vielen Situationen sogar existenziell.
Wie kommt man zu einem Blindenführhund? Um ihn zu beantragen, sind einige Schritte notwendig. „Man braucht etwa eine Verordnung vom Augenarzt und ein Rezept für ein lebendiges Hilfsmittel mit eigenen Bedürfnissen”, erzählt sie schmunzelnd. Absolviert hat sie auch ein Mobilitätstraining, bei dem etwa die Handhabung des Blindenlangstocks trainiert wird. Der ist ebenfalls im Alltag eine große Hilfe. „Seit neun Jahren bin ich nun damit unterwegs. Er bringt viel Freiheit mit sich.”
Bevor sie Timmi fand, steuerten sie und ihr Mann vier der vom Nürnberger Blindenbund genannten Blindenführhundeschulen an. Bis nach Erfurt und in den Bayerischen Wald und in die Oberpfalz fuhren sie. Schließlich fanden sie die für sie passende. Deren Mitarbeiter schauten bei den Conners vorbei, ob ein Hund gute Voraussetzungen hat, und ob sein zukünftiges Frauchen auch physisch und psychisch in der Lage ist, einen Blindenführhund zu halten. „Er gehört der Krankenkasse”, sagt Conner. Die Hunde sind fertig ausgebildet, wenn sie zu ihren menschlichen Partnern kommen.
Von Geburt an war die inzwischen 54-Jährige stark sehbehindert. „Ich habe aber die Regelschule besucht und eine Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht und danach fünf Jahre in diesem Beruf gearbeitet.” Danach zog sie in die USA. Die Restsehfähigkeit nahm ab, es folgte eine Operation, doch es wurde nicht besser. Sie zog mit ihrem amerikanischen Mann zurück nach Deutschland. Dort kam auch ihre Tochter zur Welt.
Als sie eingeschult wurde, konnte ich noch minimal sehen, hell und dunkel erkennen.” Es war ein schleichender Prozess bis zur vollkommenen Erblindung. „Ich weiß, wie meine Tochter aussieht.” Als diese zwölf wurde, war es plötzlich vorbei. „Ich habe auf einmal nicht mehr gesehen, dass das Licht an war, und brauchte eine ganze Weile zu akzeptieren, dass ich blind bin”, erzählt die Schauerheimerin.
Heute meistert sie ihren Alltag gut. Eine große Hilfe sind die vielen technischen Hilfsmittel wie die Apps für Blinde, sprechende Haushaltsgeräte,. Vorlesegeräte, auf die man etwa Bücher und Zeitungen legen kann.
„Die Blindheit gehört bei uns Blinden dazu, sie macht uns nicht aus, ich bin ich. Ich bin ein eigenständiger Mensch mit Einschränkungen.” Wenn sie Hilfe brauche, spreche sie andere an. Sie arbeitet als Beraterin beim Blinden- und Sehbehindertenbund in Nürnberg und klärt über die Behinderung auf. „Wir gehen beispielsweise in Schulen.” Aktiv ist sie auch in der Bezirksgruppe. Sie leitet ferner den Stammtisch in Neustadt und die Frauengruppe in Nürnberg. Die Beratungsstelle ist unter der Nummer 0911/236000 zu erreichen.
Inzwischen ist Timmi auch schon zehn Jahre alt und seine Augen lassen nach. In nicht mehr allzu ferner Zukunft wird er in Rente gehen. Für Andrea Conner ist es allerdings keine Frage, dass er auch als Pensionär bei ihnen bleiben wird. „Man kann uns nicht auseinanderreißen. Er ist ein Teil von mir.” Er wird bei „seinem Menschen” bleiben, auch wenn irgendwann ein neuer tierischer Helfer Weggefährte kommt.
Andrea Conner geht regelmäßig zu einer Selbsthilfegruppe namens „Blickpunkt Auge”, die sich an jedem dritten Freitag eines Monats in der Gaststätte am Neustädter Bahnhof trifft. Blinde und Sehbehinderte kommen hier ab 13.30 Uhr zusammen, um sich auszutauschen, Erlebnisse zu teilen. Neuzugänge sind willkommen, sollten sich aber vorher unter der Nummer 09161/6202044 melden..