Bietergefecht um Spitzweg-Gemälde: Ist hier Dinkelsbühl zu sehen? | FLZ.de

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Veröffentlicht am 24.02.2024 17:00

Bietergefecht um Spitzweg-Gemälde: Ist hier Dinkelsbühl zu sehen?

Dieses zwischen 1866 und 1870 entstandene Ölgemälde mit dem Titel „Institutsspaziergang“ von Carl Spitzweg war in einer Münchener Auktion heiß begehrt. Über das, was im Hintergrund zu sehen ist, gehen die Meinungen auseinander. (Foto: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG)
Dieses zwischen 1866 und 1870 entstandene Ölgemälde mit dem Titel „Institutsspaziergang“ von Carl Spitzweg war in einer Münchener Auktion heiß begehrt. Über das, was im Hintergrund zu sehen ist, gehen die Meinungen auseinander. (Foto: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG)
Dieses zwischen 1866 und 1870 entstandene Ölgemälde mit dem Titel „Institutsspaziergang“ von Carl Spitzweg war in einer Münchener Auktion heiß begehrt. Über das, was im Hintergrund zu sehen ist, gehen die Meinungen auseinander. (Foto: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG)

Der Hammer fiel bei 165.100 Euro. So viel ist einem unbekannten Kunstsammler das Gemälde „Institutsspaziergang“ von Carl Spitzweg wert, das im Münchener Auktionshaus Ketterer zum Aufruf kam. Handelt es sich bei der Stadtsilhouette, die auf dem Bild zu sehen ist, um Dinkelsbühl?

Der Fall erinnert an einen Gelehrtenstreit, der kunstinteressierte Bürger und Bürgerinnen der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder beschäftigte. Wer die Gemäldegalerie im Haus der Geschichte in Dinkelsbühl besucht, bekommt eine Ahnung von der Wirkung, die das in stiller, verträumter Beschaulichkeit wie in einem Dornröschenschlaf daliegende Städtchen auf die Maler des 19. Jahrhunderts gehabt haben mag. Beim Blick auf die Gemälde kann sich der Betrachter gleichsam Aug’ in Aug’ mit der DNA von Dinkelsbühl wähnen.

Insofern ist das jüngst in München versteigerte Bild von Relevanz. Doch es wirft Fragen auf: War Carl Spitzweg in Dinkelsbühl? Wo hat er seine Staffelei aufgestellt? Ist auf dem „Institutsspaziergang“ tatsächlich die Silhouette der einstigen Freien Reichsstadt zu sehen?


Der Hintergrund ist fast schärfer als der Vordergrund.

Sarah Mohr

Auf den ersten Blick mag man das in Zweifel ziehen. Im Auktionshaus Ketterer aber legt man sich fest. In einem Essay zu dem Bild ist zu lesen: „Die Landschaftsmalerei prägt die Anfänge Spitzwegs ... zeit seines Lebens beschäftigt sich Spitzweg mit der Natur und den unterschiedlichen Landstrichen, die er in den Sommermonaten zu Fuß oder mit der Postkutsche erschließt.“ Und schließlich heißt es im Auktionskatalog: „... die Szenerie im vorliegenden Bild nimmt eine Ansicht von Dinkelsbühl in Franken als Kulisse.“ Die Weite des Raums komme auf dem für Spitzweg so typischen langgezogenen Format zur Geltung, das er geschickt von den Figuren im Vordergrund bis in den Himmel mit den hoch fliegenden kleinen Schwalben harmonisch mit Leben füllt.

Von der „sehr schönen Lichtstimmung“ schwärmt denn auch Sarah Mohr, die bei Ketterer für die Kunst des 19. Jahrhunderts verantwortlich ist. Im Gespräch mit der FLZ weist sie auf eine vorbereitende Arbeit hin, die Spitzweg mit „Dinkelsbühl“ bezeichnet habe. Doch sie räumt ein: Auf dem vorliegenden Gemälde sei es dem Maler nicht darum gegangen, eine reine Naturstudie von diesem Wegabschnitt zu machen. Auch sei Spitzweg kein Künstler, der eine Stadtsilhouette topografisch genau abgebildet habe. Vielmehr gehe es ihm um die Lichtwirkung und um die Figuren. Wobei Sarah Mohr auf die kuriose Besonderheit hinweist, dass hier „der Hintergrund fast schärfer als der Vordergrund“ zu sehen sei. Ein Hinweis auf Spitzwegs malerische Ironie?

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Von Bedeutung ist ein weiterer Punkt. Mohr erläutert, dass das vorliegende Gemälde in einer Reihe mehrerer Bilder zu sehen ist, die den Titel „Institutsspaziergang“ tragen. Auf dem Weg von den ersten Skizzen bis zum „Endprodukt“ handelt es sich bei dem versteigerten Bild um eine Art Zwischenstufe. Das Spitzweg-Gemälde, das viele Kunstinteressierte unter dem Titel „Institutsspaziergang“ kennen, ist Teil der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in der Neuen Pinakothek München.

Das prominentere Bild gehört dem Freistaat Bayern

Jenes wesentlich prominentere Bild weist eine schillernde Herkunftsgeschichte mit mehreren Besitzerwechseln auf. Von 1934 bis wohl 1938 war es nach Angaben der Pinakothek im Besitz des einstigen Gauleiters von Mittelfranken, des Antisemiten Julius Streicher. In den Nachkriegsjahren beschlagnahmten die amerikanischen Alliierten das Gemälde. Es erfolgte die treuhänderische Übergabe an den bayerischen Ministerpräsidenten. Inzwischen gehört Spitzwegs „Institutsspaziergang“ dem Freistaat Bayern.

Die Frage, ob auf jenem Gemälde tatsächlich Dinkelsbühl zu sehen ist, hat kulturinteressierte Bewohner der Stadt immer wieder beschäftigt. Einer von ihnen ist Gerfried Arnold, bis 2019 Stadtarchivar.

Hat Spitzweg Dinkelsbühl gemalt? Dieser Frage spürt der Historiker in einem ausführlichen Aufsatz nach. Dass der „beliebte, das romantische Biedermeier humoristisch persiflierende Maler“ auf einer seiner vielen Reisen in Dinkelsbühl war, scheint unbestritten. Nicht zuletzt durch seine Bleistiftzeichnungen in zwei Skizzenbüchern sei dies belegt.

Gerfried Arnold geht in seinem Text der Frage des Standorts des Malers nach, er vergleicht die Darstellung der Zwiebelhaube des Segringer Torturms mit dem Original, er analysiert die Giebellinie der Stadtmühle, er beobachtet, dass Spitzweg das Kirchenschiff von St. Georg um 45 Grad gedreht hat, um es in seiner ganzen Ausdehnung sehbar zu machen, und kommt schließlich zu dem Schluss, dass kein Zweifel daran bestehen könne, dass Spitzweg im Gemälde „Der Institutsspaziergang“ die Stadt Dinkelsbühl und ihre Umgebung malte. Auch wenn er Anleihen bei anderen Orten gemacht und in künstlerischer Freiheit Veränderungen vorgenommen habe.

Gerfried Arnold verschweigt nicht, dass es diesbezüglich auch völlig andere Meinungen gibt. Im April 1975 war in der „Fränkischen Landeszeitung“ ein Text von August Gabler zu lesen, in dem es heißt: „Dass Spitzweg die auf seiner Reise gefertigten Skizzen verwertet hat, bezeugt zum Beispiel sein Ölbild ‚Institutsspaziergang‘, auf dem im Hintergrund die Türme Rothenburgs zu sehen sind.“


Kein einziger der abgebildeten zahlreichen Türme ist in Dinkelsbühl zu finden.

Günter Wißmeyer

Günter Wißmeyer gelangte 1989 in einem Aufsatz zu der Einschätzung: „Kein einziger der abgebildeten zahlreichen Türme ist in Dinkelsbühl zu finden.“ Und er mutmaßt: „Spitzweg dürfte hier vielmehr eine fränkische Stadt seiner Vorstellung dargestellt haben, vielleicht mit Kompositionselementen aus verschiedenen Orten.“ In einem FLZ-Bericht im Jahr 2003 kommt Ernst-Otto Erhard zu dem Schluss, dass Dinkelsbühl leider auf den Anspruch verzichten müsse, von diesem „Lieblingskünstler der Deutschen“ in einem Gemälde gewürdigt worden zu sein.

Wie dem auch sei: Ob Dinkelsbühl, Rothenburg oder Buxtehude – dem neuen Besitzer ist das Spitzweggemälde zweiten Ranges eine stattliche Summe wert. Ob es wohl den Weg in eine Wohnung in Dinkelsbühl gefunden hat? Nein. Auch wenn in Auktionshäusern Diskretion üblicherweise großgeschrieben wird: Sarah Mohr verrät, dass nach einem Bietergefecht mit mehreren Interessenten ein Sammler aus Norddeutschland den Zuschlag für das mutmaßlich fränkische Motiv erhalten hat.

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