Bad Windsheim setzt ein Zeichen für die Demokratie | FLZ.de

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Veröffentlicht am 08.04.2025 16:51

Bad Windsheim setzt ein Zeichen für die Demokratie

Christine Schmotzer mit ihrem Mann Hans. (Repro: WZ-Archiv)
Christine Schmotzer mit ihrem Mann Hans. (Repro: WZ-Archiv)
Christine Schmotzer mit ihrem Mann Hans. (Repro: WZ-Archiv)

Christine Schmotzers Schicksal ist eines, das die Menschen noch immer bewegt, unvergessen auch 80 Jahre nach ihrem Tod. Dafür sorgt seit 2021 auch eine jährliche Gedenkveranstaltung. Deren Ziel ist in Zeiten wie diesen vor allem, ein Zeichen zu setzen.

Einer, der Christine Schmotzers Geschichte ganz genau kennt, ist der Bad Windsheimer Historiker Ulrich Herz, der die damaligen Ereignisse noch einmal ins Gedächtnis ruft. „Der Krieg kam schon Mitte März 1945 nach Windsheim. Bis dahin war es relativ friedlich.“ Was zunahm, waren Tieffliegerangriffe, Anfang April hat Windsheim zwei davon erleben müssen. „Beide Male gingen sie gegen Züge“, erzählt der Historiker.

Der Krieg rückte immer näher

Ende März passierte das, was vielerorts geschah. „Der Volkssturm musste Panzersperren errichten. Die Bevölkerung hatte Angst, dass die Stadt verteidigt wird. Das hätte den Beschuss durch die Amerikaner bedeutet. Zerstörung. Und damit einhergehend den Tod vieler Menschen.“ Viele bevorzugten die kampflose Übergabe ihrer Heimatstadt. Durch geschicktes Verhandeln gelang es, dass einige Tage nach der Errichtung der Panzersperren diese wieder abgebaut werden durften.

Der Krieg rückte von Uffenheim her immer näher. „Das hat man auch gehört. Die Front hatte ja eine bestimmte Lautstärke.“ Am frühen Nachmittag des 12. Aprils war eine kleine Wehrmachtseinheit, bestehend aus rund 20 Soldaten unter Major Günther Reinbrecht (Kampfkommandant) nach Windsheim gekommen. Im Rathaus hatte dieser sein Quartier aufgeschlagen, so Herz. In der militärischen Hierarchie war er maßgeblich. „Er hat bestimmt, was passiert. Die Menschen hatten den Eindruck: Der will unsere Stadt verteidigen.“ Dabei waren die Panzersperren doch gerade erst abgebaut worden.

Deshalb fand am Abend eine Frauendemonstration statt, bei der gegen die Verteidigung von Windsheim protestiert wurde. „Erregte Szenen hat es damals auf dem Marktplatz gegeben.“ Der Major habe sich wenig kooperativ gezeigt, formuliert es Herz vorsichtig. Irgendwann löste sich die Demonstration auf.

Ein Exempel statuieren

Am nächsten Tag dann hatte war Geheime Staatspolizei in Nürnberg informiert. „Ein Exempel sollte statuiert werden.“ Zwei Beamte der Gestapo wurden mit dem Auftrag hergeschickt, die Rädelsführerinnen zu bestrafen. Drei Namen wurden ihnen genannt – darunter auch Christine Schmotzer.

Abends fuhren die Gestapo-Männer zur Maschinenfabrik Schmotzer und erschossen Christine Schmotzer vor den Augen ihres Mannes Hans. Ein Pappschild mit der Aufschrift „Volksverräterin“ hängte man ihr um den Hals. Die zwei anderen Frauen kamen davon, sie wurden nicht zu Hause angetroffen. „Bis heute ist unklar, wer der Gestapo gesagt hat, dass eine Demonstration stattgefunden hatte. Und wer Christine Schmotzers Namen genannt hatte.“

In der Nacht zum 14. April zog Reinbrecht mit seiner Gruppe ab. „Am 14. April war Windsheim im Niemandsland“, beschreibt es der Historiker. Am 15. April dann, früh um 9 Uhr, marschierten die Amerikaner in die Stadt. Diese dokumentierten auch die Erschießung von Schmotzer. 1948 gab es einen Prozess, bei dem der Gestapo-Mann Karl Schmid zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Reinbrecht bekam ein paar Monate Gefängnis. „Im Endeffekt ist es unter den Tisch gekehrt worden“, sagt Herz. Juristisch gesehen war Schmotzers Hinrichtung übrigens kein Mord, sondern Totschlag.

Human zu Kriegsgefangenen

Und warum ausgerechnet sie? Im Prozess hieß es, dass Schmotzer keine der Rädelsführerinnen gewesen war. Dennoch wurde ihr Name genannt. „Schmotzer hat sich in mancherlei Hinsicht so verhalten, wie es den Nazis überhaupt nicht gefallen hat.“ Sie war kirchentreu, was nicht gern gesehen wurde. Sie behandelte französische Kriegsgefangene human. Sie trat selbstbewusst auf. Zudem hatte Schmotzer den entscheidenden Tipp gegeben, der zur Aufhebung der Panzersperren geführt hatte. „Bei der NSDAP-Gauleitung in Nürnberg war sie als negativ bekannt“, erzählt Ulrich Herz. Durch ihren Mann Hans, damals Besitzer des größten Windsheimer Unternehmens, war sie zudem keine Unbekannte. Das alles seien mögliche Indizien, warum man sie auswählte.

An den runden Jahrestagen des Zweiten-Weltkrieg-Endes wurde zunächst an Schmotzer mit erinnert. Seit 1995 hängt eine Gedenktafel am Lutherhaus in der Rothenburger Straße in Bad Windsheim. Deren Enthüllung war seinerzeit eine große Sache, erinnert sich der Historiker, der damals auch dabei war. 2021 hatte Bürgermeister Jürgen Heckel den Einfall, Schmotzer mit einer eigenen Gedenkveranstaltung zu würdigen. Eine solche findet auch heuer am Sonntag, 13. April, an der Tafel vor dem Lutherhaus statt. Beginn ist um 18 Uhr. Die Öffentlichkeit ist eingeladen, der Bad Windsheimer Posaunenchor umrahmt musikalisch. Auch die evangelische Kirche und die Stadt beteiligen sich sowie natürlich Ulrich Herz, der heuer vom Gedenken oder auch Nicht-Gedenken nach 1945 erzählen wird.

„Es ist wichtig, auch heute daran zu erinnern, weil man sieht, wie schutzlos der Einzelne in einem autoritären Staat oder einer Diktatur ist“, sagt Herz. Ein öffentliches Zeichen gegen den Rechtsruck und rechtes Gedankengut zu setzen, sei aus seiner Sicht essenziell. Eine solche Tat sei heutzutage zwar fast unvorstellbar. „Aber da sieht man auch, in was für einem behüteten Umfeld wir groß geworden sind. Für Demokratie muss man arbeiten. Dafür muss man sich engagieren und Stellung in der Öffentlichkeit beziehen“, findet Herz klare Worte.


Anna Franck
Anna Franck
Redakteurin im Online-Team
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