„Ausweglos”: Vorbild-Demenzhaus in Obersteinbach schließt | FLZ.de

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Veröffentlicht am 11.02.2023 10:06

„Ausweglos”: Vorbild-Demenzhaus in Obersteinbach schließt

Das Haus für die Demenz-Wohngemeinschaft in Obersteinbach schließt Ende April seine Pforten. (Foto: Katja Fichtel)
Das Haus für die Demenz-Wohngemeinschaft in Obersteinbach schließt Ende April seine Pforten. (Foto: Katja Fichtel)
Das Haus für die Demenz-Wohngemeinschaft in Obersteinbach schließt Ende April seine Pforten. (Foto: Katja Fichtel)

Die Pflegelandschaft im Landkreis wird um eine Institution ärmer. Der Verein für ambulante Sozialdienste (VAS) schließt Ende April sein Haus in Obersteinbach, das als Modellprojekt 2004/05 eingerichtet worden war, um Demenzerkrankten zu ermöglichen, in einer betreuten Wohn- und Lebensgemeinschaft alt zu werden.

Der geschäftsführende Pflegedienstleiter des Vereins, Günther Funk, gibt wirtschaftliche Gründe an und vor allem der Politik die Schuld für diese Notbremse. Funk ist überzeugt, „es ist ausweglos“.

Im Gespräch mit unserer Zeitung lässt sich Funk seinen Frust nicht anmerken. Er bleibt sachlich, klar, direkt. Dass er tief enttäuscht ist, kann er jedoch nicht verbergen. Funk und seine Mitstreiter geben einen Teil ihres Lebenswerkes auf.

Der Entschluss ist gefasst, man befinde sich „schon in der Übergangszeit.“ Ende April wird die ‚Ambulante Wohngemeinschaft für demenzkranke Mitmenschen Obersteinbach‘ Geschichte sein; die Betreiber VAS und Förderverein Steigerwald schließen die Einrichtung.

Dabei war es die „erste regelfinanzierte Wohngemeinschaft für Demenz“ – in ganz Bayern. Ein innovatives Modellprojekt. Eine Alternative zum Pflegeheim. Und das Herzensprojekt von Günther Funk und Mitstreitern, um dessen Realisierung jahrelang gerungen wurde.

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Selbstbestimmt, aber mit Vollzeit-Versorgung

Die Idee folgt dem Konzept der Rothenfußer Wohngemeinschaft in München, erzählt Funk. Pflegebedürftigen Demenzkranken sollte ermöglicht werden, ihren Alltag aktiv und vor allem selbstbestimmt in einer Wohngemeinschaft zu leben, und das im Schutz einer Vollzeit-Versorgung.

Eingemietet in eines der zwölf Einzelzimmer, werden „wie in einer Familie” die Gemeinschaftsräume genutzt und zusätzliche hauswirtschaftliche Versorgungs- und häusliche Pflege- oder Betreuungsleistungen eines ambulanten Pflegedienstes je nach individuellem Bedürfnis dazu gebucht. Das Mieter- und Angehörigengremium hat strukturentscheidendes Mitspracherecht.

Mit dem damals leerstehenden ehemaligen Altenheim in Obersteinbach habe der VAS – zusammen mit dem Förderverein Steigerwald – die geeignete Immobilie gefunden. Das Haus wurde grundsaniert und 2005 von den ersten Mietern bezogen.

Das bayerische Sozialministerium hatte das Projekt unterstützt. Das alternative Wohnkonzept wurde bis 2007 wissenschaftlich begleitet, für gut befunden, die Rahmenbedingungen durch die bayerische Gesetzgebung festgezurrt und dadurch die ambulant betreute Wohngemeinschaft überhaupt erst salonfähig gemacht.

Schwierige Jahre seit der Corona-Pandemie

Mit der Pandemie kamen auch für den VAS schwierige Jahre. Und jetzt das Aus. Mit allen „involvierten Personen“ habe es Gespräche gegeben. Er habe auch Zahlen vorgelegt, Mieter und Angehörige seien schockiert gewesen. Mit den 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter „etliche, die von Anfang an dabei sind“, wurden Aufhebungsverträge geschlossen. Den Mietern gekündigt. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Und es scheint, ein bisschen auch aus Protest.

Das Aus sei eine logische Folge aus den gut gemeinten letzten Pflegereformgesetzen, die noch die Große Koalition im Laufe der Pandemie auf den Weg gebracht hatte, um die Attraktivität des Pflegeberufes zu erhöhen, meint Funk. Seit September 2022 gilt in der Altenpflege die Pflicht, das Personal nach Tarif zu bezahlen („Tariftreuegesetz“). Funk befürwortet entschieden die Verbesserung für die Pflegekräfte. In Summe spreche man von rund 35 Prozent Gehaltsaufbesserung und mehr Urlaubstagen – aber „ohne jegliche Refinanzierung durch den Staat“, beklagt er. „Das hat er vergessen“.

Die Mehrkosten werden den Pflegebedürftigen aufgebürdet. Der Eigenanteil steigt immer weiter. Dazu kommen die aktuellen Preissteigerungen, die höheren Kosten für Lebensmittel, Heizung und Strom.

Pflegerettungsschirm ist wieder zugeklappt

Was den Betrieb angeht, sagt Funk, habe man zwar Unterstützung bekommen, der Pflegerettungsschirm beispielsweise, der Corona-bedingte Mehrausgaben abfängt, ist seit Ende Juni 2022 wieder zugeklappt.

Pro Monat fahre der Verein ein „Defizit zwischen 5000 und 10.000 Euro“ ein. „Stand Januar 2022 zu heute“, so Funk, „müssen die Mieter bereits 750 Euro pro Monat mehr zuzahlen.“ Und: „Dieses Geld reicht trotzdem nicht“. Dazu kommen schlechte Kompromisse bei den Verhandlungen mit den Pflegekassen, was die Vergütung von Pflegeleistungen betrifft. „Nur drei Prozent mehr sind ein Witz“, findet Funk.

Natürlich könnte man Personal einsparen. Eine gängige Praxis. Ihm, Funk, gehe das aber zu Lasten der Qualität in der Betreuung, und zu Lasten des verbleibenden Personals, das Mehrarbeit leisten müsste. Dann spricht man von „schlechten Arbeitsbedingungen und folglich Fachkräftemangel“. Für Funk und den Verein war das keine Option.


Politisch muss viel mehr passieren.

Günther Funk

Er ist davon überzeugt, dass politisch viel mehr passieren muss. „Der Staat sollte die Verantwortung übernehmen, und sie nicht auslagern.“ Es gehöre sich, dass der Landkreis das Defizit übernehme – wie es zum Beispiel der Landkreis Bamberg mache.

Vor allem aber müsse die Regierung drastisch handeln. Man müsse weg von der Pflegeversicherung als Teilkaskoversicherung, ist sich Funk sicher. Diese übernehme „Jahr für Jahr immer weniger, der Rest ist privat zu finanzieren. Im Sozialfall übernimmt der Bezirk“, letztlich wiederum der Steuerzahler.

Das System schaffe Diskrepanzen, Pflege werde immer mehr zum Luxus, „wer es sich nicht leisten kann, falle hinter runter“, ist Funk überzeugt. Eine Bürgerversicherung – eine solidarisch finanzierte Vollversicherung – wäre die „einzige gangbare Lösung“, gerade mit Blick auf die „Boomer“-Generation, die bald in Rente geht und pflegebedürftig wird.


Furchtbar schade, wenn die Einrichtung tatsächlich schließt.

Otmar Lorey

Bürgermeister Otmar Lorey wurde, auf Nachfrage unserer Redaktion, „bislang von keiner Seite über die bevorstehende Schließung der Wohngemeinschaft informiert“. Das Gerücht, dass dem so wäre, kursiere aber schon. „Furchtbar schade“, findet es Lorey, „wenn die Einrichtung tatsächlich schließt.“ Er habe „nur Lob in höchsten Tönen erfahren, wenn jemand darüber berichtet hat.“ Seines Wissens gab es immer Wartelisten. Sollte Günther Funk mit ihm in Kontakt treten wollen, wäre Lorey jedenfalls „natürlich bereit“. Er und die Gemeinde seien sehr daran interessiert, „wie es weitergeht“.

Darüber haben sich Funk und sein Team schon Gedanken gemacht. Eine Insolvenz des Vereins soll vermieden werden. Man gehe „back to the roots“, werde versuchen, die häusliche Pflege mit den sieben mobilen Pflegekräften zu halten, eventuell gar auszubauen. Funk bleibt vorsichtig, „mal sehen, wie lange es gut geht.“

Was er noch nicht weiß ist, wo die jetzigen Mieter unterkommen werden. Neben ähnlichen Einrichtungen in Emskirchen, Langenfeld und Bad Windsheim stehen laut einer Liste des Pflegestützpunkts Nürnberg noch rund 30 weitere ambulant-versorgte Wohn- und Lebensgemeinschaften im Großraum zur Verfügung, gegebenenfalls mit Warteliste. Alternativ bleibe nur die stationäre Aufnahme in einem Pflegeheim.

Funks Befürchtung ist, „dass wir nicht die Letzten sind.“ Für die kleinen Träger sehe er schwarz. An der Nachfrage läge es jedenfalls nicht.


Von Katja Fichtel
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