Aus Unterrimbach zur Elbphilharmonie: Jaro Kirchgessners Abenteuer als Countertenor | FLZ.de

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Aus Unterrimbach zur Elbphilharmonie: Jaro Kirchgessners Abenteuer als Countertenor

Der Unterrimbacher Jaro Kirchgessner vor dem elterlichen Klavier. (Foto: Andreas Reum)
Der Unterrimbacher Jaro Kirchgessner vor dem elterlichen Klavier. (Foto: Andreas Reum)
Der Unterrimbacher Jaro Kirchgessner vor dem elterlichen Klavier. (Foto: Andreas Reum)

Vom elterlichen Garten aus hat Jaro Kirchgessner einen Blick auf den Unterrimbacher Märchenturm, einen bunt bemalten ehemaligen Schlauchturm. Jaros Mutter Melanie gestaltete ihn vor ein paar Jahren. Allzu oft kann der Sohn das nicht genießen. Denn sein Studium führte ihn fern der Heimat – und nun der Beruf erst recht.

Jaro Kirchgessner ist Countertenor. Er singt also ähnlich hoch wie eine Sopranistin. Die eigentlich weibliche Stimmlage können Männer durch Gesangstechnik erreichen. Im Prinzip könne das jeder, sagt der Sänger: „Ich hab's einfach sehr viel geübt.”

Die Hälfte des Jahres im Hotel

Dafür studierte er zunächst in Dresden im bis zum Bachelor und zuletzt in Essen. Dort hat der 28-Jährige vor kurzem seinen Masterabschluss gemacht. Ende August geht es für ihn wieder zurück nach Sachsen. In Dresden sind viele seiner Freunde und auch seine Freundin und somit sozusagen seine Feststation in seinem ansonsten vom Unterwegssein geprägten Leben.

„Ich bin die Hälfte bis zwei Drittel des Jahres nicht in meiner Wohnung”, überschlägt er. Denn nicht nur zu den Konzerten, die er mittlerweile fast wöchentlich hat, sondern auch zu den dazugehörigen Proben weilt er am Auftrittsort und wohnt dann meist im Hotel. Das ist ein bisschen schade, denn: „Ich koche sehr gerne, was ich im Hotel nicht kann.”

„Max und Moritz” ebneten den Weg

In Neustadt zur Welt gekommen, wuchs Jaro Kirchgessner in Unterrrimbach auf. Seinen ersten Auftritt hatte er bereits im zarten Kindesalter im Burghaslacher Baumschulgarten im Kinderchor von Lieselotte Schlierf. „Max und Moritz” hieß nach seiner Erinnerung das Stück. Schlierf war es auch, so entsinnt er sich, die Kontakt zum Windsbacher Knabenchor hatte. Im Alter von gerade einmal neun Jahren wurde er Internatsschüler in Windsbach. Dass er seine Familie – die Eltern und den großen Bruder Niclas – ab da meist nur zu Ferienzeiten (und selbst dann nicht immer) sah, nahm er hin.

„Ich wollte das”, sagt er und erklärt: Es sei eben nicht hart, wenn man in einer stabilen Familie aufwächst und sich als Kind sicher sein kann, egal wann man nach Hause kommt, es ist alles in Ordnung. Und es war ihm auch schon in jungen Jahren klar, dass er Berufsmusiker werden wollte. „Wahrscheinlich”, so sinniert er über seine Windsbacher Prägung, „wäre mein Leben sonst sehr viel langweiliger, vielleicht geregelter und sicherer, aber nicht so spannend.”

Mit dem Knabenchor hatte er seinen ersten großen Auftritt mit der Matthäus-Passion – ein Drei-Stunden-Werk – in der Berliner Philharmonie. Mit dem berühmten Chor kam er ziemlich herum in der Welt: dreimal auf China-Tournee, einmal USA, dreimal in Spanien „und alles, was so um Deutschland drumherum ist, sowieso”.

In Windsbach gab es eine gute Grundausbildung

Sein erster größerer solistischer Auftritt war vor acht, neun Jahren in Dinkelsbühl an der dortigen Berufsfachschule für Musik, die Kirchgessner ein Jahr lang besuchte. Windsbach, so merkt er an, liefert eine gute Grundausbildung. Aber nach dem Stimmbruch habe man dort meist nur noch zweieinhalb, drei Jahre bis zum Schulabschluss, und das reicht nicht für die Ausbildung einer Stimme.

Schon als Student bekommt er Engagements. Sein Schwerpunkt liegt dabei im Konzertfach: Johann Sebastian Bach nennt er als seinen Lieblingskomponisten, aber auch Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi oder Domenico Scarlatti singt er des Öfteren. Die Opern kann er hingegen bislang noch an einer Hand abzählen: Kirchgessner war schon als Ruggiero in Händels „Alcina” zu hören oder auch als Oberon in Benjamin Brittens „Sommernachtstraum”.

Die Musik rechnet sich sehr selten

Fast jede Woche steht für ihn inzwischen ein Auftritt an, zuletzt etwa beim Rheingau-Musikfest, bei einer Opernproduktion in Hildesheim und mit Sonat Vox bei der Bachwoche in Ansbach. Auch in Salzburg und in Prag hatte er bereits verschiedentlich Konzerte.

Es ist nicht so, dass es nicht mehr werden dürfte, findet er, zumal er weiß: „Die Musik, die ich mache, rechnet sich leider sehr selten.” Aber eigentlich läuft es gut für den Berufsanfänger, und er hofft, dass das so bleibt.

Nächstes Frühjahr wird er in der Elbphilharmonie in Hamburg singen, „da freu' ich mich sehr drauf”, sagt Kirchgessner. Ein paar weitere Engagements sind schon fix. Aber was er am Jahresende verdient haben wird, kann er keinesfalls vorhersehen. Sein Grundstock sind ein paar Ensembles, die relativ viele Konzerte geben und bei denen er sich darauf verlassen kann, drei-, vier-, fünfmal im Jahr dabei zu sein. Das gibt ihm eine Grundsicherheit, „ansonsten ist es ganz zufällig”.

Dem Zufall allein will er aber nicht das Feld überlassen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht übt. „Wenn man denkt, man ist ausgereift, hat man verloren”, sagt Kirchgessner. Zudem kommt es in seiner Branche viel auf Zuverlässigkeit an, was ihm selbst auch wichtig ist. Und körperlich stärkt er sich mit allerlei Sport: Laufen, Fitnessstudio und Ballsportarten.

„Goldene Zeit” mit Mitte bis Ende 30

Dabei ist er sich bewusst, dass es – ähnlich wie im Sport – für einen Sänger einen Zenit gibt, der vergleichsweise früh im Leben überschritten sein wird. Die meisten Sangeskünstler, so weiß er, haben ihre „goldene Zeit” mit Mitte, Ende 30; die Karrieren enden oft mit 50, 55 Jahren.

„Es ist alles ein riesiges Abenteuer, und man weiß nie, wo es einen hinführt”, findet Jaro Kirchgessner, und er sagt es – wie das Meiste im Gespräch – mit einem einnehmenden Lachen. Jetzt aber ist erst mal ein bisschen Sommerpause, und die führt ihn zum Beispiel zurück in die Dinkelsbühler Ecke. Dort gönnt er sich das Summer Breeze – denn auch diese Metal-Klänge gehören gleichsam zum familiären Erbe. Vater Matthias ist Gitarrenlehrer und Rockmusiker.

Unterrimbach bleibt für Jaro Kirchgessner aber der ein bisschen märchenhafte Rückzugsort. „Natürlich ist es hier traumhaft schön.” Wenn man auf dem Land aufgewachsen ist, vermisse man in der Stadt durchaus diese Atmosphäre, die Freiheit und die großen Räume, gesteht er ein: „Deswegen komme ich immer sehr, sehr gerne her.”

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