Aus einem kleinen Holzschuppen schiebt Karl Bürger einen blauen Aufsitzrasenmäher heraus. „Wenn man auf einem Bahngelände arbeitet, muss man eine Warnweste anziehen, sonst gibts Mecker“, sagt er, zieht sich eine orangefarbene Weste über und steigt auf. „Ja, es hat schon seinen Sinn“. Dann fährt der 70-Jährige los, um den Rasen am Bahnhof in seinem Heimatort Walpertskirchen abzumähen, Bahn für Bahn.
Doch Karl Bürger ist weder für die Deutsche Bahn (DB) noch für die Gemeinde tätig. „Ich bin bei mir angestellt. Ich mache das aus Überzeugung, ehrenamtlich“. Seit 30 Jahren kümmert sich Bürger als Bahnhofspate freiwillig und voller Hingabe um den örtlichen „Haltepunkt“, wie Anlagen dieser Art im Bahnjargon heißen. Bürger ist überzeugt, dass Bahnhöfe Orte sein sollten, an denen sich Menschen wohlfühlen - auch in Walpertskirchen.
Schaut man sich dort um, zeichnet sich ein Bild, dass man an Bahnhöfen in Deutschland nicht überall zu Gesicht bekommt. Kein Schmutz, keine überfüllten Mülleimer, keine Graffitis. Stattdessen Bänke, die wirklich zum Ruhen einladen.
All das ist Bürgers Verdienst. Täglich, meist in der Früh, kommt der Rentner zur Bahnanlage, um für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Die Züge führen schließlich auch jeden Tag, begründet er seinen Einsatz. Nicht weit von zu Hause entfernt sammelt der Rentner vor Ort unter anderem Unrat auf, führt - wenn nötig - kleinere Reparaturen durch oder mäht eben alle drei bis vier Wochen die circa 100 Quadratmeter große Grünfläche.
Hinzu kommen sechs fürsorglich bepflanzte Blumenbeete, die der Eisenbahnenthusiast aus alten, hölzernen Eisenbahnschwellen gebaut hat. „Um die Blumen kümmert sich meine Frau. Die ist Blumenliebhaberin“, erklärt Bürger. Gespendet werden diese unter anderem von der örtlichen Gärtnerei.
„Idyllisch? Da müssen Sie mal kommen, wenn die Rabauken da waren.“ Mit „Rabauken“ meint Bürger diejenigen, die am Bahnhof Pappbecher, Zigarettenschachteln oder Fast Food-Verpackungen liegenlassen oder das Wartehäuschen mit Graffiti besprühen. Dafür hat der 70-Jährige kein Verständnis. „Wenn ich das nicht machen würde, was glaubst du, wie das ausschauen würde.“
Mit der Regionalbahn 40 dauert die Fahrt vom Münchner Ostbahnhof in die rund 2.000-Einwohner-Gemeinde Walpertskirchen etwa eine halbe Stunde. Die Züge verkehren mehrmals am Tag, vor allem am Morgen und zum Feierabend.
Den eingleisigen Haltepunkt würde es ohne Karl Bürger heute aber gar nicht mehr geben. Eigentlich wollte die Bahn ihn nämlich schon vor Jahrzehnten stilllegen, wie er berichtet. 1989 gründete er deshalb den örtlichen Pro-Bahn-Arbeitskreis. „Das war die Initialzündung.“ Damals fasste er den Entschluss, für die Zuganbindung seines Heimatortes zu kämpfen. Dieser „Widerstand“ dauerte mehr als zehn Jahre, forderte vor allem Durchhaltekraft und eine Menge „Schriftverkehr, Schriftverkehr, Schriftverkehr“.
Anfangs sei er für seinen Einsatz ausgelacht worden, erinnert sich Bürger. Heute ist er stolz, sein Ziel erreicht zu haben: Die Stilllegung ist mittlerweile vom Tisch. „Das Wichtigste war, dass ich den Haltepunkt über die Zeit gerettet habe.“ Dass an einem Bahnhof regelmäßig Züge fahren, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit und unverhandelbar. „Ein Dorf ohne Bahnhof is a oida Hut.“
Für sein Ehrenamt ist Karl Bürger bereits mit der Bürgermedaille der Gemeinde ausgezeichnet worden. Bürgermeister Josef Renner (CSU) lobt dessen „außerordentliches Engagement“, man habe Bürger unwahrscheinlich viel zu verdanken. Auch eine Bahnsprecherin teilt mit, dass man sein Engagement sehr schätze und ihm für seinen langjährigen Einsatz außerordentlich dankbar sei.
Immer dann, wenn ein Zug einfährt, grüßt der 70-Jährige freundlich und winkt. Eine Lieblingsbeschäftigung hat der Rentner bei seinem Engagement auch: Ein „kleines, aber feines Museum“, das direkt auf der frisch gemähten Wiese steht und der Gemeinde gehört. Besucher können dort auf Anfrage etwa eine historische Schrankenwärterbude und drei Eisenbahnsignale bestaunen. Dafür zuständig ist selbstverständlich Karl Bürger - als „Museumsdirektor, -wärter, -führer und -hausl in Personalunion“.
Nach dem Mähen ist Karl Bürger für diesmal durch mit seinem Dienst an der Gemeinschaft. Nicht ganz: „Brauchen Sie Hilfe?“, ruft er in Richtung des rot gestrichenen Wartehäuschens, das am Bahnsteig steht. Ein Fahrgast hat Probleme mit dem Ticketautomaten. Da unterstützt der selbst ernannte „Fahrkartenautomat-Erklärer“ doch gerne. Und so ist das Problem mit der Kartenzahlung auch schnell behoben.
„So, jetzt machen wir Feierabend“, sagt Bürger. Um den Bahnhof in Walpertskirchen will er sich kümmern, solange er kann. Was aus all dem einmal wird, wenn er nicht mehr kann, will sich Bürger gar nicht ausmalen: „Wer macht es dann? Keiner“.
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