„Auf den kleinsten Käffern gibt es Cannabis“ | FLZ.de

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Veröffentlicht am 01.04.2024 06:00, aktualisiert am 01.04.2024 14:40

„Auf den kleinsten Käffern gibt es Cannabis“

Kiffen ist ab 1. April für Erwachsene nicht mehr illegal. Cannabis wurde von der Liste der verbotenen Substanzen gestrichen. (Foto: Annette Riedl/dpa)
Kiffen ist ab 1. April für Erwachsene nicht mehr illegal. Cannabis wurde von der Liste der verbotenen Substanzen gestrichen. (Foto: Annette Riedl/dpa)
Kiffen ist ab 1. April für Erwachsene nicht mehr illegal. Cannabis wurde von der Liste der verbotenen Substanzen gestrichen. (Foto: Annette Riedl/dpa)

Er hat es verkauft, hat einen Streckmittel-Entzug hinter sich und raucht es täglich. Im Gespräch mit der FLZ macht ein junger Mann klar, dass Cannabis zwar „wirklich kein Brokkoli“ ist. Doch selbst auf dem Land sei es überall verfügbar. Die Legalisierung werde aus seiner Sicht Konsumenten daher besser schützen – im Gegensatz zur bisher restriktiven Drogenpolitik Bayerns.

Fabian Müller (Name geändert) kommt aus dem Landkreis Ansbach, hat einen aktiven Freundeskreis und geht einer geregelten Arbeit nach. Seit der Pubertät begleitet ihn Cannabis, das beliebteste bisher illegale Rauschmittel der Deutschen. Er ist sich sicher, dass die Legalisierung Biografien wie seine – und die weit schlimmeren – unwahrscheinlicher macht.

Wie verfügbar ist Cannabis?

Marihuana kann man selbst „in den kleinsten Käffern“ kaufen, sagt er. Er nennt Orte mit nicht mal 200 Einwohnern. Die FLZ hat mit weiteren Konsumenten und ehemaligen Dealern aus der Region gesprochen, die dies bestätigen. Spätestens mit einer Fahrt nach Ansbach seien theoretisch auch „wirklich alle harten“ Drogen erhältlich: Amphetamin, Kokain, Heroin und so weiter.

Bei wem wird Cannabis gekauft?

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Müller erklärt, bei Dealern in den ländlichen Gebieten handle es sich vor allem um junge Konsumenten, die den eigenen Cannabis-Verbrauch finanzieren. Das hat er auch eine Weile selbst gemacht – und minimal darüber hinaus. „Für ein bisschen Taschengeld“, wie er sagt. In Ansbach wiederum spricht er aber auch von Strukturen der organisierten Kriminalität.

Schon quasi jeder Jugendliche kenne Menschen, die kiffen. Über die käme man an Kontakte, sagt er. „Ab 15 Jahren aufwärts“ sei es auf dem Land kein Problem, an Marihuana oder die synthetische Partydroge MDMA zu kommen.

Wie funktioniert der Kauf?

Kommuniziert wird vor allem über Messengerdienste: Snapchat, WhatsApp, für die bessere Geheimhaltung Telegram oder andere verschlüsselte Programme. In der Regel treffen sich dann Kunde und Verkäufer und tauschen Ware gegen Bargeld.

Wie viel kostet Cannabis in der Region?

Der normale Preis für ein Gramm liege bei etwa zehn Euro. Je nach Menge und Verhältnis zum Dealer falle er bis auf wenige Euro.

Woher stammt das Cannabis?

Soweit Müller weiß, wird das meiste Cannabis importiert und von Mittelmeer-Ländern über eine deutsche Großstadt in die Region gebracht. Selbstanbauer seien „ein seltenes Juwel“. Die Nachfrage könnten sie demnach nicht decken. „Das ist viel zu gefährlich.“ Die Pflanzen sind sehr geruchsintensiv, die Strafen hoch.

Wie häufig sind Streckmittel?

Durch Streckmittel kann das Gewicht des Produkts erhöht werden, was den Profit steigert. Müller berichtet aber von einem Trend hin zu bestmöglicher Qualität. Dealer versuchten sich gegenseitig auszustechen, da viel Cannabis im Umlauf ist.

Doch im Lauf der Jahre hat Müller sehr viel gestrecktes Cannabis gesehen: „Spice, Zuckerwasser, sogar Glasscherben.“ Er erzählt, dass er selbst einen körperlichen Entzug von Spice durchgemacht hat. Das ist der Name für künstlich hergestellte Wirkstoffe, ähnlich zum THC, das in Cannabis natürlich vorkommt.

Wie gefährlich ist das?

Spice wirkt intensiver, macht stärker abhängig und kann im Gegensatz zu normalem Cannabis tödlich überdosiert werden. In einer wellenartigen Bewegung erfasste es zum Beispiel auch die Schulen in Ansbach, berichten Müller und andere Informanten. Jugendliche kippten um und hatten epileptische Anfälle. Auch Müller kam früh damit in Berührung: „Ich würde sehr viel darum geben, meinem 15-jährigen Ich erklären zu können, was da abging“, sagt er heute.

Wie wird sich die Legalisierung auswirken?

Die Aufklärung über Cannabis und die Hilfe für Konsumenten mit Problemen werden Müller zufolge leichter werden. Die Behörden hätten Konsumenten bisher wie Kriminelle behandelt, Jugendliche würden sich nicht trauen, über ihr Konsumverhalten zu sprechen. „Süchtige brauchen Therapie und keine Strafe“, findet Müller. Gerade die bayerische Polizei verbrauche sehr viele Ressourcen und Steuergeld für ihre „Repression“ – während der tödlichere Alkohol im Freistaat geradezu vergöttert werde. Daher begrüßt er die Legalisierung, auch, da Erwachsene seiner Meinung nach ein Recht auf Rausch haben sollten, solange sie niemandem schaden.

Er sieht aber bei Minderjährigen ein großes Risiko, wenn sie Cannabis konsumieren. Da viele dies allerdings ohnehin täten, hofft er, dass die Legalisierung hier ebenfalls eine positive Wirkung hat: Auch wenn es für sie illegal bleibt, könnten sie zumindest auf kontrolliertes Cannabis ohne Streckmittel und mit einschätzbarem Wirkstoffgehalt zurückgreifen. Er vergleicht: Auch ihren Schnaps ließen sich Jugendliche schließlich lieber im Supermarkt kaufen, als gepanschten Selbstgebrannten zu trinken.


Jonas Volland
Jonas Volland
Jahrgang 2001, fing direkt nach seinem Abitur bei der FLZ an, ist im Anschluss an sein Volontariat seit dem Jahreswechsel 2023 Redakteur in der Ansbacher Lokalredaktion. Fasziniert von bunten Geschichten und aufwendigeren Recherchen.
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