Früher, so erzählt die Planerin der heutigen Radtour, habe sie ihren Vater bewundert: Der kannte jedes noch so kleine Dörfchen in unserem doch recht großen Landkreis. Jetzt beeindruckt sie andere mit ihrer Kenntnis und ermöglicht ihnen Neuentdeckungen.
Das Radeln macht’s möglich. In diesem Fall ist die Neuentdeckung – zumindest für eine der Radlerinnen – der Streckenabschnitt zwischen dem Ehe- und dem Aischgrund. In Ulsenheim – wo man die Ehe schon verlassen hat und zur Gollach gewechselt ist – geht es südwärts über Uttenhofen und Rudolzhofen (beides Stadt Uffenheim) nach Seenheim – auf einem handgeschriebenen Schild als „Lake City“ angekündigt – das zu Ergersheim gehört.
Ein kleines Mühlbächlein schlängelt sich neben der leicht abwärts führenden Straße an der Rummelsmühle vorbei. Kurz nach dem Weiher geht es dann links in Richtung Oberntief. Der Weg führt jetzt an eine ehemalige Gipsabbaustätte – inzwischen ist es ein idyllischer, verborgen gelegener See, der an einer Seite von Felsen begrenzt wird.
Ein Sträßchen mit ganz neuem Belag führt daraufhin in das mit 350 Hektar größte Naturschutzgebiet des Landkreises: „Gräfholz und Dachsberge“. Bei Schmetterlingsliebhabern und Schmetterlingsliebhaberinnen hat es deutschlandweit einen Ruf.
Heute ist allerdings kein Schmetterlingswetter. Die vielen Regenfälle im August sorgten aber für ein Landschaftsbild, das um diese Jahreszeit Seltenheitswert hat: Statt Gelb und Ocker herrscht überall saftiges Grün vor – eine Wohltat für Auge und Gemüt.
Hier in den Hute- und Mittelwäldern des Naturschutzgebiets stehen knorrige Eichen, teils mit beträchtlichem Umfang. Keine Angst: Den Dachsberg lässt man rechts liegen, so dass an dieser Stelle, wie auf der ganzen Radtour, keine nennenswerte Steigung genommen werden muss. Etwas Besonderes ist auch der Anblick, nachdem man den Wald wieder verlassen hat. Außer unserem Weg gibt es keine offensichtlichen Spuren menschlicher Zivilisation – nur Wiesen, Weiher und Wälder. Ein schönes Fleckchen Erde.
Kurz danach spitzt schon der Kirchturm von St. Maria aus Oberntief zwischen den Bäumen hervor. Damit naht auch das erste offene Gasthaus, das gleich angesteuert wird. Denn merke: Radler und Radlerinnen lieben nicht nur die Natur, sondern auch die Infrastruktur. Natur und Wirtschaft – sonst manchmal im Widerstreit der Interessen –, beim Radeln bilden sie eine Symbiose.
Wirtschaften gibt es reichlich auf der heutigen Strecke, die außer dem Start- und Zielpunkt Neustadt durch kleine Orte führt. Sogar ein Café und eine Pizzeria (beides in Sugenheim) sind zu finden, daneben reichlich fränkische Wirtshauskultur.
Werktags haben viele aber erst abends auf, auch die Museen in Sugenheim, Herbolzheim und Oberntief sind unter der Woche geschlossen. Deshalb sind immer geöffnete Einkehrmöglichkeiten, bei denen man im Trockenen sitzt und nicht unbedingt konsumieren muss, ein weiteres Thema der Tour, die zu Beginn noch von Nieselregen begleitet ist. Eine Entdeckung in dieser Hinsicht findet sich in Ulsenheim: die Kegelbahn, welche die Dorfgemeinschaft mit Hilfe des Regionalbudgets errichtet hat, ist frei zugänglich. Jeder kann dort eine ruhige Kugel schieben.
Vor der Ortsausfahrt nach Uttenhofen „muss“ man sich wieder niederlassen: Dort ist bei einer Scheune des Wildberghofs mit der „Tränke“ eine einladende Sitzecke entstanden. Per Anruf erfährt man die Nummer, mit der sich die Zahlenschlösser an den Schränken öffnen lassen und die „Neig’schmeckten“ werden aufgeklärt, was eine „Laternenmaß“ ist und testen gleich selbst, dass die auch aus der Flasche schmeckt.
Die Bierbank in Oberntief wird leider aktuell nicht mehr bestückt, doch wer von Neustadt nach Sugenheim die kürzere und steilere Route über Obernesselbach wählt, trifft an der höchsten Stelle kurz vor Sugenheim auf die „Villa Agnes“. Die ähnelt weniger einer Schutzhütte als einem liebevollen zweiten Wohnzimmer.
Müde und zufrieden kehrt man nach der ausgedehnten Tour heim: Wieder ein Stückchen Landkreis kennen und lieben gelernt.