Arzt aus Jordanien schätzt das Arbeiten in Franken | FLZ.de

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Veröffentlicht am 15.09.2024 16:00

Arzt aus Jordanien schätzt das Arbeiten in Franken

Hassan Ahmad Bani Hassan, 33 Jahre alt, Arzt, stammt aus Jordanien, ist mittlerweile überzeugter Franke, und fährt für seine geliebte Wahlheimat Neustadt Schichten als Notarzt. (Foto: Patrick Lauer)
Hassan Ahmad Bani Hassan, 33 Jahre alt, Arzt, stammt aus Jordanien, ist mittlerweile überzeugter Franke, und fährt für seine geliebte Wahlheimat Neustadt Schichten als Notarzt. (Foto: Patrick Lauer)
Hassan Ahmad Bani Hassan, 33 Jahre alt, Arzt, stammt aus Jordanien, ist mittlerweile überzeugter Franke, und fährt für seine geliebte Wahlheimat Neustadt Schichten als Notarzt. (Foto: Patrick Lauer)

„Ich sage jedem, man soll sich hier gut benehmen, soll sich integrieren, aber man muss nicht seine eigene Identität aufgeben.“ Hassan Ahmad Bani Hassan – die letzten beiden Worte bilden den Nachnamen – ist dies perfekt gelungen. Er ist nach wie vor praktizierender Moslem aus Jordanien, aber gleichzeitig ein leidenschaftlicher Arzt und Menschenfreund in Franken. Vor allem in und um Neustadt.

Denn hier fährt der 33-Jährige verheiratete Vater einer fünfjährigen Tochter seit einem Jahr Notarztschichten, hier in der Pommernstraße lebt er, hier in Neustadt ist sein Lebensmittelpunkt, wohnt seine Familie, hier hat er Freunde, Anschluss und gute Nachbarn gefunden, hier ist er seiner ehemaligen Chefin im Neustädter Krankenhaus, Dr. Ruth Gröger, ewig dankbar für ihre Unterstützung, hier hilft er Menschen, weil er es einfach gerne tut.

„Ich träume immer groß“, sagt er, und dass man – weil man doch nur ein Leben habe – dieses bitteschön „gscheid“ leben solle. „Gscheid“ sagt er, wie ein Franke es sagen würde. Kein Zweifel: Hassan Ahmad Bani Hassan ist der neustädterischste Jordanier aller Zeiten. Oder auch der jordanischste aller überzeugten Neustädter? Egal – er könnte mit beidem leben.

Im Praktikum entstand die Liebe zur Stadt

Rückblick auf die Lebensjahre 20 bis 25 in seiner einstigen Heimat. Medizin wollte er unbedingt studieren, doch das ist in Jordanien teuer – zu teuer für die Eltern. Also ab nach Pakistan, dort das Studium absolviert, abgeschlossen, dann ein Visum für Deutschland beantragt. Zunächst nur, um hier ein Praktikum an der Uniklinik Frankfurt zu machen: Unfallchirurgie. Dann schließt sich ein weiteres Praktikum im Bereich Anästhesie an – in Neustadt an der Aisch. Und da war es um ihn geschehen: Neustadt, meine Perle.

Um diese Praktika absolvieren zu können, hatte Bani Hassan am Goethe-Institut in Pakistan nebenher bereits ein Jahr Deutsch gelernt. Er entschließt sich, im Land zu bleiben – genauer gesagt – in Mittelfranken und möglichst in Neustadt – er büffelt für seine B2-Sprachprüfung, er bildet sich im medizinischen Bereich weiter fort, arbeitet von 2018 bis 2022 im Neustädter Krankenhaus und wäre da noch immer, wenn man ihm dort alle Weiterbildungen anbieten könnte, die er für den Facharzt für Anästhesie braucht.

Studie soll viele Leben retten

Aber dafür muss er nach Fürth und weil er immer noch nicht ganz ausgelastet ist, hat er in der dortigen Klinik zusammen mit einem Kollegen eine Studie begonnen zu Herzerkrankungen. Das Ziel: Eine deutlich erweiterte Anwendung des Ultraschalls (Herzecho) in der Intensivmedizin – auch jenseits der Kardiologie –, um Herzprobleme besser und frühzeitiger diagnostizieren zu können. „Damit lassen sich viele Leben retten“, ist Bani Hassan überzeugt.

Seine B2-Sprachprüfung hat er längst bestanden, seine Grammatik ist vorzüglich, sein Wortschatz auf Akademikerniveau, aber seinen Akzent wird er nicht los. „Nein, ein Muttersprachler werde ich nicht mehr“, grinst er, und erzählt, dass seine Frau mittlerweile ebenfalls die deutsche Sprache büffelt: „Und wenn sie dann vom Einkaufen nach Hause kommt, dann erzählt sie manchmal ganz stolz, dass sie alles ganz allein in Deutsch geschafft hat.“

Was eigentlich hat ihn hierher gelockt? In jenes ferne, kalte Land, in dem er jetzt ständig für einen Flüchtling gehalten wird, in dem Menschen manchmal vor ihm ausspucken, und in dem „mich die Leute neuerdings immer zweimal anschauen: einmal in mein Gesicht und dann auf meine Hand, ob ich da ein Messer halte“. Deutschland habe in seiner einstigen Heimat einen guten Ruf, sagt er – vor allem, wenn es um Medizin geht: Die Ärzte hier arbeiten mit Struktur und System. Dieses effiziente Arbeiten, das habe ihn immer gereizt, das liege ihm, das habe er immer in sich getragen und in Deutschland „wurde es noch verstärkt“.

Rassismus lässt sich nicht wegdiskutieren

Er akzeptiert, dass Menschen, die ihn nicht kennen, Angst vor ihm haben. „Diese Vorurteile sind da, die kann man nicht wegdiskutieren.“ So lange der Rassismus „drinnen bleibt, ist er mir egal“, sagt er, nur wenn er offen zutage tritt, dann hat er damit zu kämpfen. „Ich bin Arzt, ich habe Deutsch gelernt, ich bemühe mich jeden Tag, eine bessere Variante von mir selbst zu werden. Und trotzdem erfahre ich noch Ablehnung? Ich habe noch keinen Cent vom deutschen Staat bekommen, ich zahle ganz schön viel Steuern: Wie soll ich es verstehen, dass ich nicht akzeptiert werden kann?“

Sein wilder Bart sei kein Zeichen des Fanatismus, sondern seine Kultur. Der Franke, so doziert der jordanische Neustädter, definiere sich schließlich auch nicht als Bayer, obwohl er doch in Bayern lebe. „Der Franke ist ein Franke und ist zufrieden mit seiner Kultur, die eben nicht die bayerische Kultur ist.“ So sei es auch mit ihm als Moslem: Er würde seine Kultur doch gerne behalten und in Neustadt leben dürfen, ohne dabei unangenehm aufzufallen. Ist das zu viel verlangt?

Als Notarzt am meisten Respekt

Immerhin: Wenn er die Notarzt-Kluft anhat, dann gehen die Menschen plötzlich ganz anders mit ihm um, zeigen ein wenig Respekt, und manche wirken dann fast so, „als hätten sie ein schlechtes Gewissen“. Das empfindet er als ein wenig übertrieben, es würde ihm schon reichen, wenn man ihm offen ins Gesicht schaut und ihn nicht in die Schublade des Islamisten steckt.

Zusammen mit einigen Mitstreitern hat er vor einigen Jahren das islamische Kulturzentrum im Neustädter Ortsteil Birkenfeld gegründet. Dort ist es ein bisschen eng geworden, deshalb will man in ein Gebäude in der Schlesienstraße umziehen. Im Stadtrat wurde das schon behandelt, entschieden ist noch nichts. „Da geht es um Sport, Geselligkeit, Kultur, Spiele und auch ein bisschen Religion“, sagt er, und dass die Nachbarn keine Angst vor Lärmbelästigung haben müssten.

Zuwanderer tragen das System

Seine Aufgabe dort wäre es, jungen Geflüchteten zu helfen, die deutsche Sprache, die Demokratie, die Lebensart zu verstehen. „Ich will helfen, dass sie möglichst schnell arbeiten und nicht von der Sozialhilfe leben müssen“, sagt er und stellt dann eine Frage, die ihn schon lange umtreibt: „Sehen die Deutschen denn nicht, wer in den Krankenhäusern arbeitet? An den Flughäfen? Auf den Baustellen? Ohne die Zuwanderer würde das gesamte System hier ganz schnell zusammenbrechen.“

Wenn ein Attentat passiert, wie jenes in Solingen, trifft dies Hassan Ahmad Bani Hassan tief ins Herz: „Auch wir trauern um die Toten, aber für uns geht es dann auch immer um unseren Ruf, um die aufflammenden Vorurteile, um unsere Religion und die Konsequenzen.“ Ja, natürlich, Solingen wirkt in das Leben des Neustädter Jordaniers hinein, aber weg will er hier trotzdem nicht. Neustadt, seine Liebe.


Patrick Lauer
Patrick Lauer
Redakteur
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