„Ich wollte kein Archäologe sein“, urteilt einer der Besucher der Führung über die Grabungen am Bullenheimer Berg nach dem Ende der Tour – auf engen Pfaden durch unwegsames Gelände und mit einer Heerschar von Mücken im Schlepptau. Spannend sei es aber schon.
Denn außer der harten, körperlichen Feldarbeit – für die Tour wurde extra ein Pfad von Brombeeren und hohem Bewuchs befreit – wird dem Bullenheimer Berg auch mit modernster Technik auf den Grund gegangen. Dort hatte sich während der Bronzezeit eine bedeutende Siedlung auf mehr als 30 Hektar erstreckt.
Verfahren wie ein „Airborne Laserscan“, mit dessen Hilfe von der Luft aus ein digitales Geländemodell erstellt wird, auf dem bronzezeitliche Wälle, Gräben, Tore, Terrassierungen oder Quellmulden zu erkennen sind, oder die „Magnetometer-Prospektion“, die es erlaubt, ohne Schaufel Aufschluss über die Bodenstrukturen im Untergrund zu gewinnen, kommen zum Einsatz.
Daneben hat die Würzburger Studierendengruppe bei der gerade abgeschlossenen Grabung quer durch den Wall am Rand des Bergplateaus in mühevoller Handarbeit einen etwa zwei Meer breiten Grabungsschnitt ausgehoben, der über den Trauf, von dem man einen weiten Blick ins Umland hat, steil abfällt. Dort sollten mehrere Hangmauern verhindern, dass der Randwall den steilen Berghang hinabrutscht. Die eigentliche, etwa zwei Meter breite Befestigung an der Plateaukante bestand vermutlich aus einer inneren und einer äußeren Mauerschale. Der Raum zwischen den beiden Trockensteinmauern aus Bruchsteinen wurde mit Lehm verfüllt.
Die jüngste Mauerphase des Walls entstand um etwa 900 vor Christus, als die Bevölkerungsdichte auf dem Bullenheimer Berg stark zurückging. Das Baumaterial wurde aus einem vorgelagerten Graben auf dem Berghang gewonnen, gibt Professor Frank Falkenstein vom Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie in Würzburg der 25-köpfigen, interessierten Gruppe Auskunft.
Dass er gerade diese Stelle für die Grabung ausgewählt hat, liegt auch im Interesse des Weinparadieses Franken. Denn dort macht man sich seit einiger Zeit Gedanken, wie man die spannende Archäologie auf und um den Bullenheimer Berg besser in Szene setzen könnte. Die Grabungsstelle am Bergtrauf bietet sich für den Professor als eine Station auf einem möglichen archäologischen Rundweg an.
Der Ippesheimer Bürgermeister Karl Schmidt bremst die Euphorie ein wenig: „Ein solcher Rundweg ist bisher noch Zukunftsmusik.“ Aber er gehört zu den Ideen, die am Ende der Machbarkeitsstudie für den Bullenheimer Berg standen. An der aktuellen Grabungsstelle wurde ein beeindruckendes Bodenprofil von etwa 25 Meter Länge freigelegt. Gleichzeitig wird klar, dass die Teilnehmer aus unterschiedlichen Studienrichtungen in der dreiwöchigen Kampagne nur einen kleinen Teil der prähistorischen Befestigungen untersuchen können.
Diese Stelle bietet interessante Einblicke – anders als der weitere Rundweg, auf den der Archäologieprofessor die Interessierten mitnimmt. Dort ist Fantasie gefragt. Mit den Worten „Sie sehen beim sommerlichen Pflanzenbewuchs natürlich: nichts“ präsentierte Falkenstein verschiedene Stationen, die sich aus seiner Sicht für so einen archäologischen Erlebnisweg anbieten würden. In dem auf Karten präsentierten, digitalen Geländemodell ließen sich manche angedachten Stationen besser nachvollziehen als auf dem überwucherten Waldboden.
Die jüngste Station stammt aus der Zeit um Christi Geburt: Dort befindet sich eine Art verlandeter Teich von etwa 50 Metern Durchmesser. „Ein Moor ist ein wunderbares Archiv“, erläutert Falkenstein seinem Publikum. Mit einem Experten für Pollenanalysen wurden hier Serien an Bohrungen vorgenommen, die einen Blick in die Vegetationsgeschichte des Bullenheimer Bergs erlauben. Zwar gewann man keine neuen Erkenntnisse über die Bronzezeit, dafür aber über die Zeitenwende. Bei Marktbreit wurde damals als Stützpunkt für die Germanenkriege des Augustus’ ein riesiges Römerlager errichtet, vollständig aus Holz.
Für den Bau verwendete man Tausende von Eichenstämmen, die man hier, auf der nächstgelegenen Erhebung des Steigerwalds, vorfand. Der Professor geht davon aus, dass römische Pioniere auf dem Bullenheimer Berg das Holz schlugen und von Ochsen die etwa zehn Kilometer weite Strecke zur Baustelle des Legionslager schleppen ließen. Wegen des Überflusses an Zugochsen ernährte sich die Besatzung im Römerlager vor allem von Rindfleisch. Als Tränke für die Zugtiere wurde auf dem Bullenheimer Berg ein etwa 2000 Quadratmeter großes und einen Meter tiefes Bassin ausgehoben, in dem sich natürlicherweise Wasser sammelte – das heutige Moor.
Ums Wasser geht es auch an einer anderen Station: Im Osten, wo der Hang am wenigsten steil ist, tritt Sickerwasser aus dem Berg. Von den bronzezeitlichen Bewohnern wurde dieses Wasser in künstlichen Mulden gesammelt, um es als Trinkwasser zu schöpfen. Die überlebenswichtige Bedeutung dieser Anlagen für die Trinkwasserversorgung der Höhensiedlung wird durch einen mächtigen schützenden Hangwall unterstrichen.
Erstmals bei den jüngeren Forschungen entdeckt wurden Hunderte Meter lange Terrassierungen auf einem flachen, nach Südosten, also zur Morgensonne hin, gerichteten Hang der Plateaufläche – „in bester Wohnlage“, wie Falkenstein sagte, also für die Errichtung von Wohnhäusern. Erstmals in der Region fand man nicht nur die Pfostengrundrisse zweier Holzhäuser, sondern auch Hinweise auf die innere Hausorganisation. Bei Ausgrabungen wurden eine Feuerstelle mit Kochgefäßen, Reste eines Webstuhls und der mutmaßliche Werkplatz einer Töpferin freigelegt.
Nach den ersten Ausgrabungen in den 1980er Jahren stellte von 2010 bis 2018 am Bullenheimer Berg der Würzburger Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie neue Feldforschungen an. Der Abschlussbericht steht noch aus, aber mehrere Vorberichte wurden veröffentlicht.
Wer heute dort durch den dichten Mischwald wandert, kann sich ohne die fachkundigen Informationen kaum vorstellen, wie der gerodete, mit Häusern bebaute und mit Mauern befestigte Berg vor Jahrtausenden einmal ausgesehen haben mag. Ein Lehrpfad könnte das allerdings veranschaulichen.