Anwohner in Bad Windsheim fordern ein Flugrost-Gutachten | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 22.02.2024 17:26

Anwohner in Bad Windsheim fordern ein Flugrost-Gutachten

Einige Anwohner im Külsheimer Mühlweg machen auf Bannern ihrem Ärger über die benachbarte Gießerei Heunisch Luft. (Foto: Katrin Merklein)
Einige Anwohner im Külsheimer Mühlweg machen auf Bannern ihrem Ärger über die benachbarte Gießerei Heunisch Luft. (Foto: Katrin Merklein)
Einige Anwohner im Külsheimer Mühlweg machen auf Bannern ihrem Ärger über die benachbarte Gießerei Heunisch Luft. (Foto: Katrin Merklein)

Die Grenzwerte sind weit unterschritten, keine Gefahr für die Gesundheit. Das ist das Ergebnis des aktuellen Umweltberichtes der Gießerei Heunisch, der im Rathaus vorgestellt wurde. Die Bewohner aus dem an die Firma angrenzenden Külsheimer Mühlweg zweifeln die Zahlen nicht an, doch sie fühlen sich trotzdem in ihrer Lebensqualität massiv beeinträchtigt.

Etliche großformatige Banner haben sie mittlerweile an ihren Zäunen und Balkongeländern aufgehängt. In schwarzer und roter Schrift machen sie ihrem Ärger über Lärm, Gestank und Ruß Luft. Sie fühlen sich von Stadt und Landkreis mit ihren Problemen allein gelassen.

„Die Behörden nehmen unser Problem nicht ernst“, sagt Christian Schmitt. Er ist einer der Mühlweg-Bewohner, der derzeit auch gegen die Gießerei klagt. „Der Eine“, der sich laut Landratsamt, Gießerei und Stadt immer beschwert, „das bin wohl ich.“ Aber: Er spricht nicht nur für sich, er spricht auch für seine Nachbarn. Das betont er.

Bäume fangen Staub etwas ab

„Machst du den Mund auf, bist du sofort der Querulant.“ Das sagte Külsheims Ortsteilbeauftragte Silke Städtler im Anschluss an die Vorstellung des Umweltberichts im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie war auch in ihrer Funktion als Liste-Land-Fraktionssprecherin im Stadtrat vor Ort und ist selbst betroffene Mühlweg-Bewohnerin. Wenngleich sie am Ende der Straße wohnt und, durch Bäume, abgeschotteter als ihre Nachbarn, nicht so viel abbekomme, wie die an „vorderster Front“. Oft wäre auch sie am Nachmittag lieber wieder in ihrem Büro, wenn es, wie sehr oft der Fall, „massiv stinkt“.

Beim Geruch sei man quasi machtlos, erklärte Dietmar Eckl, der seit 2008 als Prokurist und technischer Leiter für das Unternehmen tätig ist. „In Deutschland zählt die Geruchsschwelle, nicht, wie es riecht.“ Das vermehrte Vernehmen des Geruchs bei den Anwohnern habe wohl mit dem Wind zu tun, dessen Richtung sich in den vergangenen Jahren verändert und dessen Stärke deutlich zugenommen habe. Man sei immer an den neusten Techniken dran, der Geruch lasse sich aber nicht neutralisieren oder beispielsweise durch Aromen-Beigabe, wie vor etlichen Jahren einmal erwogen, verändern. „Wir stehen auf dem Stand der neusten Technik“, versicherte Eckl.

Mehr aus diesem Ort
Das Brückencafé in Bad Windsheim bietet Jung und Alt Abwechslung im AlltagVerkehr am Flugloch: Deshalb musste der Bad Windsheimer Lehrbienenstand umziehenDC La Bamba Bad Windsheim verpasst beim Bundesliga-Endturnier das HalbfinaleRenommierter Politik-Experte aus Bad Windsheim: Von Statistiken und BrausestangenHöhepunkt der Dartsaison: Bundesliga-Finale mit dem DC La Bamba Bad WindsheimZwischen Amore und Dolore: Nevio Passaro begeistert in Bad WindsheimVereine aus der Region: Mit einem Klick zur richtigen TabelleUnmut über die Gastronomie in den drei Gasthäusern im Freilandmuseum Bad WindsheimKurioser Urlaubsverlauf: Kurgast in Bad Windsheim mit Faust ins Gesicht geschlagenMozart und Mambo bei der „Kubanischen Nacht” in Bad Windsheim64 Meter Gleis: „Großer Bahnhof” beim Historischen Verein Bad WindsheimDietersheimer Rat übt sich in Harmonie bei Wahl der Bürgermeister-StellvertreterUnfall auf der B470 bei Bad Windsheim endet glimpflich – Straße zeitweise gesperrtAusstellung in Bad Windsheim zeigt, wie es in mittelalterlichen Spitälern zugingBad Windsheimer Protesttag: Teilhabe für Menschen mit Behinderung gefordert

Mit Bezug zur Landesgartenschau, betonte Heckel, dass man an einer Verschönerung des Ortseingangs aus östlicher Richtung dran sei. Für den „hässlichen Baywa-Turm“ auf dem Heunisch-Gelände sei man an Überlegungen dran. Konkretes konnten Heunisch und Heckel noch nicht nennen.


„Die Firma spielt alles runter.“

Silke Städtler

„Die Firma spielt alles runter“, sagt Städtler. Extrem enttäuscht hat sie auch den Sitzungssaal verlassen, musste das Gehörte „erst einmal sacken lassen“. Ihre Stadtrats-Kollegin Sabine Detsch (SPD) pflichtete ihr bei: „Die Anwohner zählen scheinbar nicht.“ Volker Goller (Liste Land) ist die Aussage von Gerhard Koslowski (WiR) bitter aufgestoßen, dass es nach acht Jahren immer wieder gleich gelagerten Beschwerden nun mal gut sei und man die Firma auch nicht für jeden „Spinnendreck“ verantwortlich machen könne.

Eisen-Emission unter bayerischem Schnitt

Kurz und knapp war auch Städtlers Verabschiedung von Bürgermeister Jürgen Heckel. „Er spricht zu 90 Prozent für die Firma. Ich bin echt schwer enttäuscht“, sagt sie. Angesprochen hatte sie zuvor in der Vorstellung auch das Problem mit dem Flugrost. Eckl betonte, dass die Eisenwerte unter dem Emissions-Grenzwert und auch unter bayerischem Durchschnitt lägen.

Der zunächst staubige Niederschlag auf den Grundstücken setze sich aus vielen Komponenten zusammen, umackernde Traktoren, wirbeln Staub auf, das Bremsen der Züge auf dem in der Nähe verlaufenden Bahngleis verursache Eisenstaub und auch überfliegende Flugzeuge dürften nicht außer Acht gelassen werden. All das komme in den Proben zusammen.

Das wollen die Mühlweg-Bewohner nicht gelten lassen. Christian Schmitt hat, um nachzuweisen, dass der Flugrost von der Heunisch-Produktion stammt, ein „zertifiziertes Labor“ engagiert. Die Ergebnisse, die ihm vorliegen, sprechen eine deutliche Sprache, sagt er: „Der Flugrost, der bei uns gefunden wurde, entsteht bei Prozessen einer Gießerei.“

Proben selbst genommen

Seitens Heunisch hieß es, dass das Labor zertifiziert und Proben auch von dafür ausgebildeten Mitarbeitern genommen werden müssen. Freilich, die Proben hatte Schmitt in besagtem Fall selbst genommen, nach genauer Anweisung der Fachleute aus dem Labor, wie er sagt. Er verstehe auch, dass die Gießerei seine Ergebnisse anzweifelt, vielleicht auch anzweifeln muss, weil sie, wenn sie einmal zahlen müssen, wohl immer zahlen müssten, wenn Schäden durch sie verursacht werden.

Vom Gericht wurde ebenfalls ein Gutachter bestellt, der nachweisen soll, ob der Flugrost, der auf seinem und auf dem eines ebenfalls klagenden Nachbarn gefunden wurde, von der Gießerei stammt, und ob dieser für die Schäden an Fahrzeugen, Fotovoltaikanlage und dergleichen verantwortlich und „ortsüblich“ oder nicht ist, erklärt Schmitt.

Der Külsheimer sei auch dazu bereit, die Kosten zu übernehmen, wenn die Firma einen Gutachter die Proben nehmen lässt oder das Landratsamt jemanden beauftragen will. Das habe er auch schon mehrfach angeboten. „Wir wollen, dass die Firma für die Schäden aufkommt, die sie verursacht, wenn es das Gutachten sagt. Wenn sie nicht die Verursacher sind, halt ich sofort meinen Mund.“

Auch, dass die Gießerei zuerst da war und die Bebauung erst danach stattfand, lässt Schmitt so nicht gelten. Sein Haus wurde 1975 gebaut, die Gießerei Heunisch 1980 am Standort in der Westheimer Straße gegründet. 2003 kaufte Heunisch die Gießerei Hofmann auf, die freilich zuvor, seit 1922, auf dem Gelände an der Hofmannstraße produziert hatte. „Die Gießerei Hofmann war aber viel kleiner, und dort wurde auch nur tagsüber gearbeitet“, sagt Schmitt.

Keine Gefahr für die Gesundheit

Dass man mit den Nebenprodukten der Gießerei leben müsse, betonte Alexander Wust, Jurist und Leiter der Abteilung Bau und Umwelt des Landratsamts bei der Vorstellung des Gutachtens. Die Einhaltung der Grenzwerte besage nur, dass keine Gefahr für die Gesundheit bestehe. Der Behörde kreiden die Bewohner an, dass sich 15 Jahre lang auf das gleiche Gutachten bezogen wird, unangekündigte Kontrollen nicht stattfinden.

Andrea Spindler Sachbearbeiterin in der Umweltabteilung am Landratsamt sagt, dass unangekündigte Kontrollen in einem solchen Betrieb schon aufgrund der Sicherheit des damit beauftragten Mitarbeiters, schlichtweg unmöglich seien. „Das heißt aber nicht, dass wir nicht über den Zaun schauen oder die Nase in die Luft halten, wenn wir anderweitig in Bad Windsheim sind.“ Zum Abstand der Messungen sagt Eckl, dass die Zeitspanne reduziert werde und auch die Grenzwerte werden künftig sinken.

Bepflanzte Klimawand soll entstehen

Dem Wunsch auf jährliche Messung der Werte und deren Veröffentlichung nachzukommen, wie laut Schmitt in Nordrhein-Westfalen üblich, ist laut Eckl schon allein aus Facharbeitermangel in den Laboren nicht machbar. Der derzeit beauftragte Prüfer sei 72 Jahre alt und habe noch keinen Nachfolger.

Bürgermeister Heckel sieht die Möglichkeiten, die die Gießerei zum Gelingen einer „Partnerschaft“ des Friedens mit den Nachbarn hat, ausgeschöpft. Für rund 1,2 Millionen Euro sollen eine sieben Meter hohe und 65 Meter lange bepflanzte Klimawand, eine Art begrünter Lärmschutzwall, ein weiterer Erdwall und eine Sichtschutzwand entstehen. Dadurch erhofft man sich „Frieden mit den Nachbarn“. Städtler kritisiert, dass so getan werde, als ob dieses Geld „nur für und wegen uns“ ausgegeben werden müsse.

Erweiterungspläne wurden vorgestellt

Dass zumindest die parallel zum Mühlweg verlaufende Lärmwand wohl auch für den Ausbau der Gießerei notwendig wäre, das sei gar nicht Thema. Die beiden Geschäftsführer Dr. Christiane Heunisch-Grotz und Christian Gerhäuser stellten nämlich auch die Zukunftspläne der Firma vor. Neben dem energetischen Ausbau der Firma für 25 Millionen Euro in den kommenden Jahren stehen zusätzlich bauliche Veränderungen an. So sei geplant, ein neues Verwaltungsgebäude mit Messstation und EDV-Bereich zu errichten. Die alte Hofmann-Villa sei in die Jahre gekommen, hier käme wohl nur ein Abriss in Frage, beantwortet Gerhäuser die Frage von Sabine Detsch, die diese gerne wieder hergerichtet und anderweitig genutzt sehen würde.

Geplant sei zudem eine größere Halle für den Modellbau parallel zum Mühlweg, wie Gerhäuser ausführte. Heunisch-Grotz schränkte sofort ein, dass von dieser nicht einmal so viel Lärm wie von einer Schreinerei ausgehen würde. Große Modelle für ihre Gussteile würden ohnehin extern gebaut, kleine gäbe es kaum noch. Vielmehr sei die Halle zumeist für die Wartung der Modelle da. „Emissionen sind da nicht zu erwarten“, betonte Heunisch-Grotz. Einen Zeitplan für diese Umsetzungen gibt es laut Gerhäuser noch nicht. Die Schutzmaßnahmen sollen in den nächsten Wochen und Monaten aber bereits realisiert werden.

„Wir aus dem Mühlweg begrüßen jede Verbesserung, die geplant ist“, sagt Schmitt. Dass die genannten Wälle allerdings viel bringen werden, bezweifelt er.


Von Katrin Merklein
north