Mit „Die besten Menschen“ stand am Abend des Eröffnungstags der 14. Ansbacher Kaspar-Hauser-Festspiele im Onoldiasaal eine Uraufführung auf dem Programm. Festspiel-Intendant Eckart Böhmer beendete mit dieser zwölften Theaterarbeit zum Thema Kaspar Hauser sein Schaffen als Bühnenautor und Regisseur.
Inhaltlich ist das Werk eine Essenz des Wesens Kaspar Hausers, indem es den Nürnberger Hauser des Jahres 1828 und den Ansbacher Hauser des Jahres 1833 aufeinandertreffen lässt. Inspiriert ist das Setting vom Denkmal in der Platenstraße, das eben diese Personen zeigt: Es sind die gleichen, aber sie sind nicht identisch. Stilistisch bleibt Eckart Böhmer sich und seinen zentralen Gestaltungselementen treu. Das Werk selbst weiß sogar etwas mehr als der Autor.
Böhmer ist vom „Armen Theater“ geprägt, von einem von überflüssigen Requisiten befreiten und nur auf den Schauspieler und seine Kunst beschränkten Theater. Auch die aktuelle Produktion reduziert die Ausstattungsmittel drastisch. Das tut der Abstraktion gut und unterstreicht die Bedeutungsschwere dieser zwölften Produktion. Die Zwölf ist in vielen religiösen und kulturellen Systemen verankert und erhebt den Anspruch auf Geschlossenheit.
Trotz des Minimalismus hat das Werk eine große Wucht. Zum einen liegt es daran, dass 90 Prozent verbürgte Texte oder Aussagen von Kaspar Hauser sind, was zu großer Unmittelbarkeit führt. Zum anderen spannen die drei Künste – Musik und Sprech- sowie Tanztheater – eine große Fläche auf, die den Text in gestalterische Höhen katapultiert.
In Heiner Bomhard hat die Produktion einen Ansbacher Kaspar gefunden, der über die größten Finessen verfügt. Mit wenigen minimal gestoßenen Silben kann er kindliche Elemente anklingen lassen, aber an elaborierten Stellen auch jugendliche Schwärmereien, Unverständnis und Sehnsucht, Ergebenheit und Liebestiefen. Er löst Ergriffenheit bis hin zur Erschütterung aus.
Heike Eichenseher, der Kaspar des Jahres 1828, vermittelt durch ihre Körperhaltungen die sich überschlagenden Eindrücke, die anfängliche körperliche Gefangenheit und die spätere Befreiung.
Georg Bomhard am Kontrabass grundiert mit den rechten Stimmungen, weitet die Bühne in den Saal hinein und schafft Wirkungsflächen für die enormen Gefühle.
Das Schlussbild ist, wie immer bei Eckart Böhmer, ein sprechendes – in diesem Fall sind es gleich zwei Bilder: Erstmals im Tod berührt der junge den älteren Kaspar und verschafft dem Erlösungsgedanken Raum; im zweiten Bild trägt der Ältere den toten Jüngeren und gibt auch ihm Frieden, sich selbst aber Wirkmacht.
Das Zentralrequisit, eine weitere Spezialität Böhmers, findet sich im Bühnenbild. Eine hohe Holzleiter deutet die Jakobsche Himmelsleiter an, auf der die Engel zwischen Himmel und Erde verkehren.
Ein Requisit aber hat Böhmer nicht bedacht, und es fügt sich dennoch trefflich ein. Der Kontrabass, die tote Materie, die erst durch die Hände des Musikers spricht und seine Geheimnisse preisgibt – es kann für jede Art von Künstler stehen: den Autor, den Vortragsredner, den Regisseur und für alle, die den Fall Kaspar Hauser auch heute noch zum Tönen bringen.
Zu sehen ist das Theaterstück „Die besten Menschen“ erneut während der Ansbacher Kaspar-Hauser-Festspiele am Dienstag, 30. Juli, sowie am Freitag, 2. August, jeweils um 20 Uhr im Tagungszentrum Onoldia.