„Das Epizentrum ist wie ein Kriegsgebiet“, erzählt Firiloglu Yalcin. Bis Anfang März war er in der Türkei, half dort zusammen mit anderen Ansbachern den Opfern der schweren Erdbeben.
„Vor Hochhäusern hab’ ich noch etwas Panik“, sagt Yalcin, räuspert sich und rutscht in seinem Stuhl zurück, als er der FLZ einen Besuch abstattet. Er kommt gerade frisch zurück aus der Türkei, wo seine Wurzeln liegen. Yalcin ist 40 Jahre alt und derzeit in der Schweiz gemeldet, will aber nach Ansbach zurückkehren. Hier ist er geboren und aufgewachsen, arbeitete lange als Industriemechaniker und hat mit seiner Schwester zusammen ein Haus in der Stadt.
Auch seine Mutter arbeitete lange in der Region, sie lebt derzeit in Istanbul. „Nach dem, was ich gesehen habe, will ich sie zurück nach Deutschland holen, ich habe Angst um sie.“ Denn auch für die türkische Hauptstadt rechnen Experten mit schweren Erdbeben. Zu solchen war es am 6. Februar im Südosten der Türkei und im Norden Syriens gekommen, Medienberichten zufolge wurden rund 57.000 Tote und über 111.000 Verletzte registriert.
Firiloglu Yalcin selbst hat keine Familie im betroffenen Gebiet, kennt aber mehrere Ansbacher, deren Verwandtschaft dort lebt. „Ich machte mir auch Sorgen, ob die Spenden dort alle ankommen.“ Außerdem habe es ihn wütend gemacht, dass sich sein Umfeld wenig um die Geschehnisse schert. Kaum jemand habe sich danach erkundigt. „Auch in den Medien kam das nur schleppend durch und war nicht lange Thema.“
Inspiriert von anderen Freiwilligen, entschloss er sich, selbst aktiv zu werden, startete einen Spendenaufruf, der allein über eine Bezahlplattform rund 7.500 Euro einbrachte. „Ich hab’ meinen Sohn gefragt, ob es okay für ihn ist, wenn ich hinfliege.“ Dann habe er sich fast seinen ganzen Jahresurlaub genommen und flog „quasi ohne Plan“ los.
Er landete in Adana, der fünftgrößten Stadt der Türkei. „Über Beziehungen“ lieh er sich ein Auto und fuhr nach İskenderun, eine Stadt in der Region Hatay, die besonders schwer vom Erdbeben betroffen ist. „Auf der Straße dorthin waren lauter Privatleute mit vollgestopften Autos“, erinnert er sich. Viel Unterstützung sei aus der Zivilbevölkerung heraus organisiert worden. Die Hilfe vom Staat habe vielerorts nicht ausgereicht.
„Im Zentrum ist jedes Haus eine Ruine, es gibt schräg stehende Gebäude, ganze Gassen sind eingestürzt. Selbst wenn Steven Spielberg einen Film darüber drehen würde – das könnte er sich nicht ausdenken“, beschreibt er das Erdbebengebiet.
Yalcin tat sich mit Einheimischen zusammen, um Spenden zu verteilen. Auch Pinar Aydin aus Wicklesgreuth half vor Ort mit, ihre Schwester lebt in İskenderun. Sie eröffneten ein Depot für Hilfsgüter, erzählt Yalcin. Der Ansbacher Ali Tatlioglu hat Familie in der Region Hatay und habe – trotz Krankenhausaufenthalt – von Deutschland aus Hilfe koordiniert. Gemeinsam mit seiner Tochter Miray hätte er viel Geld geschickt.
Yalcin selbst fuhr immer wieder die 140 Kilometer mit dem Auto von Adana nach İskenderun und zurück, sagt er, und kaufte Pakete mit Nudeln und Mehl von seinem eigenen Geld. Er fuhr weiter in den Süden der Region Hatay, vor allem in den kleinen Dörfern sei die Unterstützung dringend notwendig gewesen. „Ich war das erste fremde Gesicht für die Menschen dort.“ Mit der Zeit hätten sich die Bewohner geöffnet und ihre Bedürfnisse mitgeteilt. Dann habe er auf Bestellung eingekauft, Jacken etwa, oder Unterwäsche und Binden.
„Aber als Einzelne können wir natürlich nicht viel transportieren, du bringst etwa Hygieneartikel und am nächsten Tag musst du eigentlich neue bringen.“ Abhilfe schaffte ein Depot, auf das sie in Reyhanlı stießen. In der Grenzstadt zu Syrien sammeln Hilfsorganisationen Lieferungen für betroffene Orte und verteilen diese. „Dort konnten wir einen ganzen LKW voll machen und zu den Menschen bringen.“
Am meisten mangelte es an Zelten, so Yalcin. Viele Menschen hatten ihre Häuser verloren oder Angst davor, in diese zurückzukehren. Manche Familien hätten im Freien schlafen müssen. Über Kontakte von Yalcins Cousine in Istanbul hätten türkische Prominente auf die Situation in den Dörfern im Internet aufmerksam gemacht. Daraufhin konnten sie erste Zelte auftreiben und spenden.
Die Region Hatay sei politisch angespannt, erzählt Yalcin, ein großer Teil der Bevölkerung bestehe aus Minderheiten. „Doch durch die Not wächst das Volk zusammen.“ Dass Menschen in Istanbul sagen „das sind unsere Leute, wir müssen helfen“ sei ein Strohhalm, an den sich die Menschen klammern könnten.
Denn die Lebensumstände seien grauenvoll. Ein Problem zum Beispiel sei die Wasserversorgung. „Wegen der Leichen unter den Trümmern, die das Wasser verseuchen.“ Daher hätte die Helfergruppe auch angefangen, Wasserfilter zu beschaffen. „Du trinkst Tee mit den Menschen und sie erzählen vom Tod.“ Aus ganzen Freundeskreisen und Familien sei oftmals nur eine Person übrig geblieben.
Trotzdem habe er die Menschen als unfassbar herzlich und tatkräftig erlebt. „Der Wiederaufbau wird Jahre in Anspruch nehmen“, meint Yalcin. Die Region sei weiterhin dringend auf Spenden angewiesen.