Mit einer Quote von 12,2 Prozent verzeichnete Deutschland 2022 die vierthöchste Schulabbrecherquote in der Europäischen Union. Markus Erlinger, Bezirksvorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), und Heinz Kreiselmeyer, Ex-Schulamtsleiter von Ansbach, sehen im Landkreis Ansbach den Lehrermangel als Hauptproblem.
Nur in Rumänien (15,6 Prozent), Spanien (13,9 Prozent) und Ungarn (12,4 Prozent) brachen 2022 mehr Schülerinnen und Schüler ihre Schulausbildung ab. „Unser Schulsystem ist bankrott“, sagt Heinz Kreiselmeyer, der von 1990 bis 2006 Schulamtsleiter von Ansbach war.
Auch Markus Erlinger aus Colmberg findet im Hinblick auf die veröffentlichten Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat deutliche Worte: „Die Statistik ist erschreckend. Es wird Zeit, dass sich Bund und Länder endlich zusammenraufen und bewegen“, appelliert der 54-Jährige.
Als eine der Hauptursachen für die hohe Anzahl an Schulabbrechern nennt Erlinger den extremen Lehrermangel, der sich auch in der Region widerspiegelt: „Die Ausstattung mit Personal hier in der Gegend ist schlichtweg nicht gut. Wir haben zu viele ungeschulte Lehrkräfte. Es sind aber Fachkräfte nötig. Hier spreche ich auch von Sozialpädagogen oder Psychologen, die die Schülerinnen und Schüler individuell fördern“, erklärt der BLLV-Bezirksvorsitzende.
Individuelle Förderung. Ein Punkt, der auch Kreiselmeyer seit Jahrzehnten beschäftigt. „Die individuelle Betreuung fehlt von Anfang an. Jeder Schüler hat ein anderes Lernmuster. Wir brauchen den Weggang vom klassischen Schulsystem, das seit über 100 Jahren besteht“, fordert der 80-Jährige.
Modernen Unterricht mit individuellem Lernansatz lebt die Grund- und Mittelschule in Bechhofen seit 2005 vor. 2017 sorgte die Schule nach ihrer Generalsanierung sogar bundesweit für Furore. Der Grund: Typische Klassenzimmer gibt es hier kaum mehr, stattdessen fast nur noch offene Lernräume und Lernwerkstätten.
Professionelle Berufsorientierung, Praxisunterricht statt sturer Frontalunterricht, Lerngruppen statt Einzelarbeit. Das Konzept der Schule ist klar: Das Individuum soll im Vordergrund stehen und bestmöglich gefördert werden. „Wir versuchen, ohne einsichtiges Lernen die Schüler zur Selbstständigkeit zu führen. Und das sehr praxisorientiert“, erklärt Schulleiter Gerhard Bräunlein, der damals mitverantwortlich für das neue Konzept seiner Schule war.
Als Leuchtturmprojekt möchte der 62-Jährige seine Schule aber nicht bezeichnen: „Das Konzept ist sehr personalintensiv. Wir haben extremen Mangel an ausgebildeten Lehrkräften und sind froh, wenn die Stunden besetzt werden können. Das Kollegium ist total engagiert und motiviert, aber wir laufen teilweise gegen Windmühlen“, beklagt Bräunlein, der den Lehrermangel mit als ausschlaggebenden Grund für das aktuell niedrige Bildungsniveau sieht. „Die Förderbedürftigkeit der Schüler ist gestiegen, die Anzahl an Lehrkräften sinkt. Das geht komplett in die falsche Richtung. Für unsere Ideen brauchen wir einfach Personal“, appelliert Bräunlein.
Um neue Lehrkräfte zu gewinnen, müsse laut Kreiselmeyer auch die Lehramtsausbildung überdacht werden: „Referendare brechen ihre Ausbildung oft ab, weil sie nicht dementsprechend behandelt werden“, beklagt der 80-Jährige und nimmt hier die skandinavischen Länder als Vorbild: „Die Lehrkräfte dort verdienen zwar etwas weniger als bei uns, werden aber wertgeschätzt für das, was sie leisten.“
Auch in Hinblick auf das Schulsystem könne man sich laut Kreiselmeyer einiges von skandinavischen Schulen abschauen. In Schweden gibt es beispielsweise keine Trennung in verschiedene Schultypen nach der Grundschule. Stattdessen besuchen alle Schüler die gleiche Schule bis zur 9. Klasse. Danach gibt es für Schüler zwischen 16 und 19 Jahren eine Auswahl von allgemeinbildenden und beruflichen Programmen. Laut Kreiselmeyer hätte man im Landkreis im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer mal wieder Überlegungen gehabt, das System umzustellen. Das Feuer sei meistens aber „schnell wieder erloschen“.
Nach der kürzlich veröffentlichten Pisa-Studie, in der Deutschland so schlecht wie noch nie abgeschnitten hatte, folgt jetzt also die nächste Klatsche. Bayerns Kultusministerin Anna Stolz kündigte nach dem Pisa-Schock ein Maßnahmenpaket an, das künftig jeweils eine Stunde mehr Deutsch und Mathematik pro Woche vorsieht.
Schulleiter Bräunlein äußert seine Bedenken zu der Maßnahme: „Die zwei Stunden mehr sind der Tropfen auf dem heißen Stein. Dadurch wird sich nichts verbessern“, schätzt der 62-Jährige.
Nicht nur mit dem Maßnahmenpaket, auch mit dem Startchancen-Programm, auf das sich Bund und Länder am 2. Februar geeinigt haben, soll jetzt die Wende her. 4000 Schulen „mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler“ sollen von dem Programm, das wohl zum Schuljahr 2024/25 starten wird, profitieren. Der Bund zahlt den Ländern dafür dann zehn Jahre lang jährlich eine Milliarde Euro.