Nach wochenlangem Tauziehen zwischen den Fraktionen wurde jüngst die deutliche Anhebung der Gebühren für die von der Stadt betriebenen Krippen und Kindergärten beschlossen. Auf die Eltern kommen ab September erhebliche Mehrkosten zu. Das sorgt für Unmut und hat weitreichende Folgen, wie eine Mutter berichtet.
Ihre richtigen Namen will Sandra G. nicht in der Zeitung lesen. „Ansbach ist ein Dorf, da spricht sich alles schnell herum“, sagt sie, und mit beinahe jedem Satz in dem Gespräch wird klarer, dass sie große Angst vor der Zukunft hat. Seit der Stadtratssitzung, in der die „Gebührenanpassung“ entschieden wurde, ist in ihrem Leben nichts mehr, wie es war, sagt Sandra G. „Mir ist es eiskalt den Rücken runter gelaufen. Wie sollst du das machen? Das ist mir durch den Kopf gerattert.“
Eine Lösung hat sie noch nicht gefunden. Womöglich gibt es sie auch nicht. Sandra G. ist alleinerziehend, ihre vierjähriger Sohn war bislang im Kindergarten untergebracht, während sie zur Arbeit ging. Für die Vollzeitunterbringung mit der maximal möglichen Stundenzahl von neun bis zehn Stunden zahlte sie bislang rund 170 Euro monatlich.
In wenigen Wochen wird es deutlich mehr sein, etwa 40 Prozent kommen zunächst obendrauf, ehe nach den Plänen der knappen Mehrheit im Stadtrat im kommenden Jahr nochmals eine Steigerung avisiert ist. „Wer soll sich das denn leisten?“, fragt Sandra G. – eine Antwort erwartet sie nicht. Beinahe das komplette Kindergeld würde der neue Tarif in ihrem Fall „auffressen“, sie hat deswegen die Stundenzahl reduzieren müssen. „Jetzt ist es soweit: Bis mein Kind in der Schule ist, gehe nicht mehr arbeiten“, sagt sie und klingt trotzig.
Dabei hat Sandra G. schon immer kämpfen müssen in ihrem Leben. Während der Schwangerschaft wurde bei ihr ein Kopftumor festgestellt. Nach der OP war sie halbseitig gelähmt, es folgten viele Behandlungen, Chemo und Bestrahlung. „Ich hab’ mich zurückgekämpft“, kann die 36-Jährige heute sagen. Doch jetzt ist sie an einem Punkt, an dem sie nicht mehr weiter weiß. Sie schluckt kurz, Tränen fließen. Nicht zum letzten Mal.
Verantwortlich für ihre Situation ist sie teilweise selbst, das weiß sie längst. Am Abend der Stadtratsentscheidung ertränkte sie ihren Frust und die vermeintliche Ausweglosigkeit in Alkohol und verlor in der Folge ihren Führerschein. Dabei hatte sie extra den Lkw-Schein gemacht, um in Vollzeit ordentlich zu verdienen und für ihr Kind gut sorgen zu können. Jetzt aber „sehe ich kein Land mehr“.
Als erste Maßnahme hat sie den lange geplanten einwöchigen Urlaub bei ihrem Vater in den USA storniert. Nur den Flug hätte sie zahlen müssen, aber dafür reicht es nicht mehr. „Seitdem spricht mein Sohn nicht mehr mit mir. Ich habe jetzt einen kleinen Terroristen zu Hause.“ Kleine Kinder können die Zusammenhänge nicht nachvollziehen. Warum der Freibadbesuch nebst Eis und Pommes nicht mehr geht und selbst ein paar Stunden Minigolf gestrichen sind. „Ich spiele meinem Kind jeden Tag die heile Welt vor“, gibt sie zu. Schein und Sein.
Auch der Einkauf wird inzwischen zur Herausforderung. Benötigte sie dafür früher rund 70 Euro wöchentlich, ist nun etwa das Doppelte fällig. „Ohne Fleisch“, ergänzt sie. Tomaten und Gurken zieht sie selbst auf den paar Quadratmetern ihres Balkons. „Ich stecke komplett zurück, dass ich mein Kind gut versorgen kann.“ Lebensqualität sieht anders aus.
Ich spiele meinem Kind jeden Tag die
Den Gang zum Amt scheut sie. Noch. Sandra G. liegt nach eigenen Worten knapp über der Grenze, um finanzielle Hilfe vom Staat beantragen zu können. Sie muss jeden Tag rechnen, extrem hart kalkulieren – und dennoch kann sie die Miete in diesem Monat womöglich nicht bezahlen. In ihren Augen spiegelt sich Traurigkeit. Ihr Selbstwertgefühl sei am Boden, meint sie kleinlaut. Die Auswirkungen der Kostenexplosion in den Kitas lassen Sandra G. verbittert zurück. „Ich sitze jeden Abend da und frage mich, wie es weitergehen soll.“