Treffend pointierte Witze, beißender Spott, Öffentlichkeitsarbeit für das Theater und ein inoffizielles Bewerbungsschreiben für die kommenden Jahre: Thorsten Siebenhaar brillierte bei der Rückkehr des Derbleckens in verschiedenen Rollen und erntete dafür vom Publikum in den voll besetzten Kammerspielen stehende Ovationen.
Es war fraglos großes Kino, wie der Schauspieler, Regisseur, Gastronom und Ansbacher Aborigine die zurückliegenden drei Jahre in seinem rund zweistündigen Programm zusammengefasst und aufbereitet hatte. Dabei ließ er das Weltgeschehen bis auf die Auswirkungen der Pandemie auf die Stadt weitestgehend aus und konzentrierte sich vornehmlich auf „sein“ Ansbach: Das gab ausreichend Stoff her, um eine ganze Reihe verbaler Spitzen zu setzen.
In der Tradition des bayerischen Volksschauspielers Walter Sedlmayr, der am Nockherberg einst die CSU-Granden um Franz Josef Strauß bei der Begrüßung als Handlanger Moskaus, mittelmäßige Spießbürger und reaktionäre Maulhelden tituliert hatte, setzte auch Siebenhaar gleich zu Beginn Ausrufezeichen.
Erstmals war das traditionelle Ansbacher Derblecken als Doppelevent an zwei Tagen angelegt, um den Vorwurf einer elitären Veranstaltung zu entkräften und mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, sich über die Schelte der Großkopferten zu amüsieren. Siebenhaar begrüßte am Mittwochabend „das echte Josefi-Publikum“. Tags zuvor spielte er schließlich vor dem „B-Publikum“, und da gab es „nur trocken Brot statt Kassler und Oettinger statt Landwehr-Bock“. Doch die Retourkutsche folgte im gleichen Atemzug: „Wir haben das am Dienstag nur Vorpremiere genannt, damit Sie nicht merken, dass Sie zweite Klasse sind.“
Die Rosette prangt auch am Toilettenhäuschen am Bahnhof.
Da passt es wenigstens thematisch.
Siebenhaar brillierte als Siebenhaar, wenn er etwa den im knalligen Rot gehaltenen Ansbach-Schriftzug, die gotische Rosette im neuen Tourismus-Logo der Barock-Stadt und die Kirche, die jetzt Hostien aus Insektenpulver anbiete, durch den Kakao zog. Die nicht wenigen Baustellen im Stadtgebiet begrüßte er aus Sicht seines technikaffinen Sohnes. „Der kann Bagger bis zu seinem 18.Geburtstag anschauen.“
Als scharfzüngiger Beobachter wurde der Fastenprediger abseits von skurrilen Anekdoten aber auch ernst, wenn er etwa die Demonstrationen der Corona-Leugner mit Funktionären der NPD im Schlepptau ins Visier nahm oder die AfD scharf kritisierte.
Wie ein roter Faden zog sich das Thema Kultur inklusive Theater durch den abwechslungsreichen Abend – fraglos eine Herzensangelegenheit für den Schauspieler. Oberbürgermeister Thomas Deffner müsse sich messen lassen an der Aussage, dass ihm Kultur etwas wert sei. „Da können Axel Krauße und ich nur lachen.“
Auch der nicht anwesende Kämmerer Christian Jakobs holte sich für seine „Gift-Liste“, auf der so allerhand Kürzungsvorschläge dann doch nicht verwirklicht wurden, eine blutige Nase. „Der Kämmerer macht Kulturpolitik, weil er sich mit Theater im Stadtrat auskennt. Ich sag ja auch nicht, ich hab schon viele Referate gehalten, warum nicht eines leiten.“
Als Singspiel baute Siebenhaar auch ein Lied für den OB ein – den rasenden Radler, der keine Unterstützung seiner Fraktion erfahre. Genauer war es eine Ode des Stadtoberhauptes an seine Mutter. „Thomas war einmal ein kleiner süßer Bub, ein Bub mit Jägerhut, der Hut steht ihm so gut“, textete der Künstler auf das Original von Sarah Connor und ließ daneben immer wieder Deffners angeblichen Lieblingssatz wirken: „Des hätt mer fei net braucht, aber des lass mer zu.“
Ob später in sakraler Robe als Kardinal Fehler oder zwischendurch als volksnaher Hausmeister Schorsch – Siebenhaar verstand es gekonnt, große und kleine Aufreger zu verknüpfen. Beispiel gefällig? Das von Linken-Stadtrat Uwe Schildbach befürchtete Chefärzte-Ghetto im Neubaugebiet am Brandlesweg wusste der Prediger zu kontern. „Keine Sorge. Welcher Chefarzt bei ANregiomed bleibt denn so lang, dass sich das Bauen lohnt?“ Rumms, auch das hatte gesessen. Den Abend voller netter Boshaftigkeiten goutierten die 270 Gäste mit langem Beifall.