„Angst war unser täglicher Begleiter“: Ein Buch über das Leben in Brasilien | FLZ.de

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Veröffentlicht am 17.02.2025 15:00

„Angst war unser täglicher Begleiter“: Ein Buch über das Leben in Brasilien

Dr. Fatima Cavalcanti hat in Lenkersheim und Bad Windsheim eine neue Heimat gefunden. Sie schätzt die Menschen der Region. (Foto: Marines Beisbart)
Dr. Fatima Cavalcanti hat in Lenkersheim und Bad Windsheim eine neue Heimat gefunden. Sie schätzt die Menschen der Region. (Foto: Marines Beisbart)
Dr. Fatima Cavalcanti hat in Lenkersheim und Bad Windsheim eine neue Heimat gefunden. Sie schätzt die Menschen der Region. (Foto: Marines Beisbart)

Die in Lenkersheim lebende Medizinerin Dr. Fatima Cavalcanti hat über ihre Kindheit und Jugend in Brasilien unter der Militärdiktatur ein Buch geschrieben. „Dämmerung über dem Paradies“ lautet der Titel des 143 Seiten starken Werkes. Darin reist sie in eine Zeit, die geprägt war von Angst und Hass. Darüber und über die Bedeutung der Demokratie hat sie mit uns gesprochen.

Frau Cavalcanti, wie haben Sie das Schreiben am Buch erlebt?

Für mich war es sehr wertvoll, meine Erinnerungen zunächst unstrukturiert, dann im Verlauf der Jahre zunehmend einer Ordnung folgend zu Papier zu bringen. Dadurch kam vieles aus meiner Vergangenheit wieder in mein Bewusstsein. Und ich hatte die Möglichkeit, dies mit meinem Mann und meinen Freunden zu teilen.

Wie ist die Idee zum Buch entstanden?

Mein Buchprojekt hat sich über viele Jahre hingezogen und im Verlauf auch entwickelt, was man dem Text ja auch anmerkt. Die erste Idee war die eines Kinderbuches über mich und meinen Ameisenbären. Diesen Teil habe ich zwar beibehalten, aber im Laufe der Zeit traten biografische Anteile immer mehr in den Vordergrund. Letztlich merkte ich auch, dass ich meinen Freunden und Kollegen gerne mehr von der Geschichte meines Landes vermitteln wollte.

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Warum sollte man Ihr Werk lesen?

Ich möchte meinen Lesern und Leserinnen vermitteln, dass Brasilien nicht nur das Land von Fußball, Samba, Karneval und Kaffee ist, und dass es noch etwas anderes gibt als Zuckerhut und Copacabana. Ich habe schwierige Zeiten erlebt und weiß, wie es ist, wenn es keine Meinungsfreiheit gibt und man dafür sein Leben riskiert. Auch habe ich persönlich die starke Inflation erlebt, und ich habe den Eindruck, dass viele Deutsche ihre Freiheit nicht zu schätzen wissen.

Die Demokratie erscheint mir als die beste Regierungsform – es lohnt sich, für sie einzutreten. Deshalb erfüllt mich die aktuelle politische Entwicklung auch mit großer Sorge. Rechtsgerichtete politische Strömungen haben meiner Einschätzung nach keine echten Lösungen für die Probleme der Welt. Mit populistischen Narrativen kann die Bevölkerung leicht manipuliert werden, falsche Hoffnungen und falsche Alternativen führen schnell auf falsche Wege.

Welchen Bezug haben Sie heute noch zu Ihrem Heimatland?

Es gibt noch sehr viele und enge Bezüge. Meine Tochter Clarissa ist zwar auch schon seit vier Jahren in Deutschland und in Regensburg als Tierärztin tätig, mein Sohn Tiberio ist aber noch in Recife. Meine Geschwister sind zwar alle verstorben, doch es gibt viele Nichten und Neffen und deren Kinder, mit denen ich häufigen und intensiven Kontakt pflege. Auch habe ich guten Kontakt zur Familie meines ersten Mannes sowie zu Freundinnen aus der Schul- und Kindergartenzeit, von denen mich schon einige hier in Deutschland besucht haben. Erst im vergangenen Jahr war ich mit meinem Mann für zwei Wochen in Recife.

Wie kam es dazu, dass Sie nach Deutschland ausgewandert sind?

Ich war schon als Kind sehr neugierig. Von meiner Mutter weiß ich, dass ich bereits im frühen Kindesalter ständig verrückte Ideen hatte. Und im Laufe der Jahres ist es nicht besser geworden. Eigentlich wollte ich nach Japan, ich habe immer von Osaka oder Sapporo geträumt. Aber auch europäische Länder wie die Schweiz haben mich interessiert.

Ich ließ mich von diesen Träumen nicht abbringen, obwohl meine älteste Schwester Malvina mir immer wieder sagte, dass wir für solche Träumereien viel zu arm seien. Aber das Schicksal wollte es anders. Eines Tages, ich war als Ärztin in der Gastroenterologie in Recife tätig, lernte ich bei einer Einladung zum Mittagessen einen deutschen Mann kennen, der geschäftlich in Recife war. Daraus entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Letztlich haben wir geheiratet und nach einigem Hin und Her bin ich mit ihm dauerhaft nach Deutschland gekommen, zunächst nach Rottweil in Baden-Württemberg.

Wie haben Sie Bad Windsheim erlebt, nachdem Sie hier angekommen waren?

Nachdem meine Ehe schon nach wenigen Jahren gescheitert war, bin ich in Deutschland geblieben und habe hier an unterschiedlichen Orten gearbeitet. Nach Bad Windsheim kam ich eigentlich zunächst nur, weil ich in der Nähe von Nürnberg leben wollte. Dann hat es mir aber so gut gefallen, dass ich inzwischen schon seit 14 Jahren hier lebe. Besonders beeindruckt hat mich von Anfang an die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Leute.

Können Sie Deutschland und speziell Bad Windsheim heute als „Heimat“ bezeichnen?

Inzwischen ist Bad Windsheim, und insbesondere Lenkersheim, zu einer zweiten Heimat für mich geworden. Ich habe hier viele gute Freunde und Kollegen gefunden. Auch haben wir eine wunderbare Nachbarschaft. Nicht zu vergessen mein Mann, mit dem ich sehr verbunden bin.

Wie hat die Militärdiktatur in Brasilien Ihre Kindheit geprägt?

Als Kind hatte ich keine Ahnung über die tatsächlichen politischen Verhältnisse. Es gelang meinen Eltern, all dies von mir fern zu halten. Insofern erlebte ich eine relativ unbeschwerte Kindheit. Erst später reflektierte ich, welchen Einfluss die Diktatur auf unser Leben und insbesondere auf meinen Vater hatte, hier vor allem auch seine Sorge um unseren Lebensstandard aufgrund der permanent hohen Inflation. Persönlich erlebte ich vor allem an der Universität die ständige Kontrolle und Überwachung, auch durch Spitzel. Die Angst war unser täglicher Begleiter.

HINTERGRUND

Zur Person

Dr. Fatima Cavalcanti wurde 1957 in Recife in Brasilien als jüngstes von acht Geschwistern geboren. Ihre Kindheit und Jugend erlebte sie unter der Militärdiktatur in einer angstbesetzten Zeit in Brasilien, die 21 Jahre andauerte. Die Autorin studierte Medizin, machte ihren Facharzt in Gastroenterologie und war lange Jahre als Ärztin am Universitätsklinikum in Recife tätig. Im Jahr 2004 ist sie nach Deutschland ausgewandert und arbeitet seit 2012 als Ärztin in Bad Windsheim.

    Sie schreiben in Ihrem Buch von Angst und Verfolgung. War Ihre Familie auch betroffen?

    Glücklicherweise kam es in meiner Familie zu keinen Verhaftungen, da es hier keine direkten politischen Aktivitäten gab. Eine meiner Schwestern stand in Kontakt zum damaligen Erzbischof Dom Hélder Camara, der in Deutschland für seine Theologie der Befreiung bekannt ist. Sie engagierte sich in der Arbeit mit Straßenkindern. Der Erzbischof verkehrte demzufolge in unserem Haus. Dass er ständig überwacht wurde, habe ich erst später realisiert, inwieweit die Überwachung sich auf meine Schwester ausgedehnt hatte, weiß ich nicht.

    Haben Sie Angst, dass auch in Deutschland politische Kräfte für Angst und Hass sorgen könnten?

    Angesichts der aktuellen politischen Entwicklung muss sich jeder hellsichtige Mensch Sorgen machen. Die Gefährdung ist unübersehbar.

    Was ist Demokratie für Sie?

    Demokratie ist für mich die bestmögliche Regierungsform, allerdings muss man zur Zeit feststellen, dass – wie es so schön heißt – die Demokratie von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht schaffen kann. Demokratie funktioniert nur unter Demokraten.

    Was bedeutet für Sie persönlich der Begriff „Widerstand“, von dem in Ihrem Buch ja auch zu lesen ist?

    Ich bin kein sehr wagemutiger Mensch, kann mir deshalb nicht vorstellen, Partisanin zu werden oder in den Untergrund zu gehen. Auch bin ich eine absolute Pazifistin. Ich hoffe, dass die aktuellen – friedlichen – Protest-Formen, wie beispielsweise die Demonstration auf dem Bad Windsheimer Marktplatz im vergangenen Jahr, Signalwirkung genug haben. An solchen Aktionen werde ich mich gerne wieder beteiligen.

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