In Unternesselbach sind die Dorfzwerge eingezogen. Sie haben es in ihrem Domizil in der Ortsmitte gemütlich. Kleine Stühlchen und Tische, Minibetten und Matratzen – fast wie im Haus der sieben Zwerge. Ergänzt wird Schneewittchens scheinbare Zuflucht von Spielzeug, Bauecke und einem schönen Garten zum Toben – alles, was das Kinderherz begehrt.
Alina Hirsch allerdings unterscheidet sich mit ihren langen blonden Haaren doch deutlich vom gängigen Schneewittchenbild. Sie ist zudem keine Prinzessin wie im Märchen der Brüder Grimm, sondern gelernte Kinderpflegerin und hat darüber hinaus eine Qualifizierung zur Tagespflegeperson absolviert – ebenso ihr Lebensgefährte René Schäfer sowie Lore Ernst. Die beiden gehören ebenfalls zum Team von „Alinas Dorfzwergen“.
Dabei handelt es sich um eine Großtagespflege. „Das ist eine sehr individuelle und familienähnliche Betreuung“, erläutert die 23-Jährige, die drei Jahre in der Krippe einer Betriebs-Kita gearbeitet hat. Besucht wird ihr Angebot von Mädchen und Jungen im Alter von sechs Monaten bis zum Eintritt in die Kita. Sieben Zwerge sind es übrigens nicht – seit Januar kommen acht Knirpse. Sie komme nicht nur aus Neustadt, sondern auch aus anderen Ecken.
Besagte acht Kinder können gleichzeitig betreut werden. Wenn diese nicht den ganzen Tag dort sind, können sich auch zwei Kinder einen Platz teilen. Eingerichtet ist die Tagespflege im Elternhaus von René Schäfer. Die rund 70 Quadratmeter große Wohnung, in der die Kinder herumwuseln, wurde kindgerecht umgestaltet, im Eingangsbereich findet sich die Garderobe. Wie in Kita oder Krippe hat jedes Kind seinen Platz nebst Kleiderhaken und einem Fach für persönliche Dinge. Anhand der Fotos erkennen die Kleinen, wo ihre Sachen hingehören.
Im hellen Spielraum warten Bau- und Bücherecke, ein kuscheliges Zelt und eine Kinderküche darauf, bespielt zu werden. Normalerweise jedoch geht es dort sehr lebhaft zu. Im nebenliegenden Raum essen die Kinder, malen und basteln auch dort. An der Küchenzeile werden die Mahlzeiten zubereitet. Hier gibt es Frühstück, Mittagessen und Snacks. „Essen bringen die Kinder nicht mit. Wir bereiten alles frisch zu.” Das hat sich bewährt. Dabei wechseln sich Alina Hirsch und die gelernte Hauswirtschafterin Lore Ernst ab.
Die 62-Jährige ist fünffache Mutter und dreifache Oma – sie bringt nichts so leicht aus der Ruhe. Als sie von den Dorfzwergen erfuhr, bot sie Alina Hirsch und René Schäfer ihre Unterstützung an. „Ich wollte noch mal etwas Sinnvolles machen.“ Inzwischen besucht auch eines ihrer Enkelkinder die Großtagespflege.
René Schäfer (26) ist gelernter Fahrlehrer und Industriemechaniker und hat vier jüngere Geschwister. „Die Arbeit mit Kindern macht mir Spaß.“ Das war für ihn der Grund, den Qualifizierungskurs zur Tagespflege zu machen. Er baute auch fast alle Möbel für das Zwergendomizil.
Wieder an Schneewittchens Zwerge erinnert, fühlt man sich im Schlafraum. Jedes Kind hat seine eigene mit Sternenbettwäsche bestückte Matratze. Darüber schwebt ein Sternenhimmel, Sternenmobile baumeln von der Decke. Die Knirpse haben zum Schlummern ihre Kuscheltiere, Schnuller, und was sie sonst noch alles brauchen, dabei. „Sie wissen, wann Schlafenszeit ist“, erzählt die 23-Jährige. Nach dem Essen suchen diejenigen, die es schon selbst können, ihre Sachen ruckzuck zusammen und flitzen in den Schlafraum – in der Regel für rund zwei Stunden wird dort geruht.
Fleißig genutzt wird gerade jetzt im Sommer der große Garten, in dem es viel zu entdecken gibt. Die dörfliche Umgebung wird bei Spaziergängen natürlich ebenfalls ab und zu erkundet.
Die Betreuung erfolgt von Montag bis Freitag von 7 bis 17 Uhr. „Nach Absprache ist dies auch außerhalb dieser Zeiten am Wochenende oder an Feiertagen möglich“, sagt Alina Hirsch. Die Kosten richten sich nach den Buchungsstunden. Da es sich um ein öffentlich gefördertes Betreuungsverhältnis handelt, wird der Elternbeitrag direkt an das Jugendamt gezahlt. Die Fachberatung im Jugendamt steht den Müttern und Vätern, aber auch Alina Hirsch und ihren Mitstreitern für Fragen und Anliegen zur Verfügung.
Etliche Interessierte nutzten am Samstag die Gelegenheit, beim Tag der offenen Tür das Angebot kennenzulernen. „Es war toll“, resümiert Alina Hirsch. Rund 180 Leute „schnupperten“ mal in die Einrichtung hinein, unter anderem auch Bürgermeister Klaus Meier und der stellvertretende Landrat Hans Herold. Das Interesse an derartigen Einrichtungen auf dem Dorf – das haben Alina Hirsch und ihr Team damit einmal mehr gespürt – ist also groß. Leider, sagt die 23-Jährige, könne sie aber nicht allen einen Platz anbieten, momentan sei man ausgebucht und es gebe eine Warteliste.