Tausende Einzelhandelsgeschäfte schließen jedes Jahr in Deutschland. Nur wenige Ketten bauen ihre Filialnetze aus. Besonders auffällig sind dabei Unternehmen aus den Niederlanden wie Action, Rituals oder Coolblue. Ein Zufall? Ein Überblick über die Konkurrenz aus dem deutschen Nachbarland:
Der 1993 gegründete Non-Food-Discounter aus Medemblik-Zwaagdijk-Oost eröffnete 2009 seine erste Filiale direkt an der niederländischen Grenze - in Schüttorf, im Südwesten Niedersachsens. Heute betreibt Action in Deutschland rund 650 Geschäfte und beschäftigt knapp 15.000 Menschen. Damit hat die Kette mehr Filialen als Media Markt, Obi, Müller, H&M oder C&A.
Wie viele werden es noch? Action nennt keine Zahlen. Auf Nachfrage heißt es: „Deutschland bleibt ein sehr wichtiger Wachstumsmarkt für uns und wir sehen großes Potenzial.“ Die Kette wirbt mit dem Slogan „mehr als du erwartest“. Das Sortiment reicht von Wohnaccessoires und Deko über Haushalts-, Büro- und Baumarktartikel bis hin zu Spielzeug, Pflegeprodukten, Mode und Lebensmitteln wie Süßwaren, Snacks und Getränken.
Koen Hazewinkel, Handelsexperte an der EFMI Business School im niederländischen Baarn, sagt: „Action ist sehr günstig. Preislastige Formate lassen sich gut expandieren - besonders nach Deutschland, dem Land des Discounts.“ Die Menschen seien außerordentlich preisbewusst. Zum Erfolg trügen zudem eine offensive Expansionsstrategie und ein hocheffizientes Logistiksystem bei.
Kosmetik-, Körperpflege- und Lifestyleprodukte sind Kern des Rituals-Sortiments, ergänzt um Haushalts- und Einrichtungsartikel. Das Unternehmen aus Amsterdam ist seit 2008 in Deutschland und hat inzwischen nach eigenen Angaben gut 260 Geschäfte. Marktführer Douglas kommt auf rund 340.
Deutschland ist einer der größten Märkte des Unternehmens. Im Onlinegeschäft verzeichnete Rituals 2024 ein Umsatzplus von 16 Prozent. Das Unternehmen, das weltweit investiert, betont, dass hierzulande „eine bedeutende Zahl neuer Geschäfte“ geplant sei. Verkauft werden ausschließlich Produkte der eigenen Marke.
Darüber hinaus sind weitere Unternehmen mit niederländischen Wurzeln in Deutschland aktiv:
Was bringt niederländische Unternehmen dazu, nach Deutschland zu expandieren? „Der Heimatmarkt Niederlande ist mit 18 Millionen Einwohnern überschaubar“, sagt Janine Damm von der deutsch-niederländischen Handelskammer. Deutschland sei aufgrund kultureller Nähe und ähnlicher Mentalität mit über 80 Millionen Einwohnern attraktiv. Hinzu kommt die logistisch günstige Lage. Deutschland kann direkt aus den Niederlanden beliefert werden. „Das unternehmerische Risiko ist also verhältnismäßig klein.“
Unterschiede sieht sie vor allem in der Geschäftskommunikation. „In den Niederlanden sind die Hierarchien flacher, die Umgangsformen, auch unter Geschäftspartnern, lockerer“, sagt Damm. Deutsche legten großen Wert auf Vorbereitung, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. Der formellere Umgang könne zu Missverständnissen und Konflikten führen.
„Nähe allein reicht nicht für Erfolg“, sagt Handelsexperte Hazewinkel. Niederländische Einzelhändler seien bei Trends und Stilen, etwa in der Mode, manchmal einen Schritt voraus. „Aufgrund der geringen Größe des Landes mussten wir Niederländer uns immer anpassen. Deshalb sind wir vielleicht etwas aufgeschlossener für Neuheiten.“
Für Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE ist der Erfolg vieler niederländischer Ketten kein Zufall. „Er basiert auf fokussierten Konzepten, Kaufmannsgeist und der cleveren Nutzung der kulturellen Nähe. Was wir vom niederländischen Pragmatismus lernen können, ist der Mut zum Testen.“ Niederländische Händler seien oft „Meister der Nische“. Sie definierten ein klares Kundenversprechen - bei Service, Design oder Preis - und setzten es konsequent um.
Einige Expansionsversuche sind allerdings gescheitert. Die Warenhauskette Hema hatte größere Expansionspläne, verfolgte diese jedoch nicht weiter. Aktuell betreibt sie noch knapp 20 Filialen in Deutschland. Auch die Non-Food-Kette Blokker versuchte es hierzulande, zog sich jedoch wieder zurück.
Deutsche Filialen gab es auch von der Supermarktkette Albert Heijn. Die letzten schlossen 2018 - „weil das Format nur ein bescheidenes Wachstum verzeichnete und kein ausreichendes Potenzial für ein nachhaltiges Geschäft bot“, wie es heißt. Der Non-Food-Discounter Xenos stellte seine Aktivitäten ebenfalls ein, die Filialen wurden von Tedi übernommen.
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