Für viele Jahre war Helga Stierl das Gesicht der Herberge zur Heimat in der Ansbacher Innenstadt. Die gebürtige Österreicherin hielt in der Unterkunft für Obdachlose alle Fäden in der Hand. Nun hat sich die langjährige Leiterin in den Ruhestand verabschiedet. Ihr Nachfolger will ihr „Vermächtnis“ fortsetzen, dabei aber seine eigenen Wege gehen.
Udo Schaller kennt die städtische Einrichtung in der Schaitbergerstraße in- und auswendig. Vor acht Jahren startete er hier als Hausmeister seine zweite berufliche Karriere. Zuvor hatte er als Zimmermann auf dem Bau gearbeitet, ehe der Körper nicht mehr mitmachte und er eine künstliche Hüfte bekam. Wenn man so will, kennt sich Schaller mit Rückschlägen im Leben also bestens aus. Nach dem Motto: hinfallen erlaubt, aber bitte wieder aufstehen.
So geht es vielen Menschen, die in der Herberge für einen kurzen oder auch längeren Zeitraum unterkommen. Sie haben oft persönliche Schicksale hinter sich, Scheidungen, Sterbefälle, oder sie haben ihre Arbeitsstelle eingebüßt. Mal selbst verschuldet, mal als Opfer rigider Sparzwänge. Schaller kennt viele dieser Geschichten, die Menschen so aus der Bahn werfen können, dass sie ihre Wohnung verlieren.
„90 Prozent der Leute, die hier untergebracht werden, sind vernünftig“, erklärt er. Da gebe es „im Großen und Ganzen“ keinerlei Probleme, die Gäste hielten sich an die Regeln des Zusammenlebens auf engem Raum. „Ich muss selten einschreiten oder gar die Polizei holen“, sagt Schaller zum grundsätzlichen Konfliktpotenzial. Seine Botschaften an die Klienten sind meist entsprechend pragmatisch. „Geh’ mal duschen“, sagt er schon hin und wieder.
Was möglich ist, wird in der Herberge gemacht, das wird im Gespräch mit Schaller deutlich. Dinge wie Handtücher, frische Bettwäsche oder auch mal einen Jogginganzug haben sie hier für die Gäste vorrätig. Wer spätabends noch von Hunger geplagt wird, kann sich kurzerhand eine Dose Gulasch oder Ravioli warmmachen. Obendrein bemüht sich Laura Schrödel, die Schaller zur Seite steht, so oft als möglich frisch zu kochen.
Das „Rezept“ ist dabei ähnlich wie in den zurückliegenden Jahren unter der Federführung von Helga Stierl. „Das wird so fortgeführt“, sagt Schaller. „Wir sind hier wie eine große Familie. Jeder weiß über den anderen Bescheid.“ Empathie ist da ein wichtiger Schlüssel, weshalb der 55-Jährige die unter seiner Vorgängerin doch sehr strengen Ausgangs-Regeln etwas aufgeweicht hat.
„Wir sind hier wie eine große Familie.”
Bis zum Wechsel der Leitung wurden die Türen ausnahmslos um 20 Uhr abgeschlossen. Wer – aus welchen Gründen auch immer – zu spät kam, „hat Pech gehabt“, erinnert sich Schaller. Er handhabt das deutlich legerer und macht das an einem Beispiel fest. „Wenn einer Arbeit in einem Schichtbetrieb gefunden hat“, könne der schlecht pünktlich um acht wieder da sein, findet Schaller, weshalb er persönliche Absprachen bevorzugt. „Das klappt gut.“
Der Bedarf an Schlafplätzen ist größer denn je. Doch es gibt nur Betten für zehn Männer und vier Frauen. „Wir sind ausgebucht“, muss sich Schaller in diesen Tagen deshalb nicht selten wiederholen. Doch ein Not-Lager zwischen Waschmaschine und Trockner steht immer zur Verfügung. „Ich habe noch nie jemanden wegschicken müssen“, sagt Schaller so, als sei er darauf sehr stolz. Die Realitäten scheinen ihn zu bestätigen. Wer heute Job oder Bleibe verliere, führt der 55-Jährige aus, rutsche schnell in eine Art Teufelskreis. Zudem sei der Wohnungsmarkt in der Stadt sehr überschaubar.
Da entspreche das Angebot der ursprünglich als Unterkunftsstätte für reisende Handwerker eingerichteten Herberge für viele Menschen einem wichtigen Anker, findet Schaller. Er selbst will im Hintergrund bleiben und kein Bild von sich in der Zeitung sehen. „Ich bin doch in Ansbach bekannt wie ein bunter Hund.“