500 Jahre Bauernkrieg: Womit Landwirte heute zu kämpfen haben | FLZ.de

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Veröffentlicht am 10.06.2025 06:37

500 Jahre Bauernkrieg: Womit Landwirte heute zu kämpfen haben

Die BBV-Kreisobmänner Reinhold Meyer (links) und Jürgen Dierauff (rechts) setzen bei Aktionen der Landwirte auf Geschlossenheit und ein organisiertes Vorgehen. (Foto: Thomas Schaller)
Die BBV-Kreisobmänner Reinhold Meyer (links) und Jürgen Dierauff (rechts) setzen bei Aktionen der Landwirte auf Geschlossenheit und ein organisiertes Vorgehen. (Foto: Thomas Schaller)
Die BBV-Kreisobmänner Reinhold Meyer (links) und Jürgen Dierauff (rechts) setzen bei Aktionen der Landwirte auf Geschlossenheit und ein organisiertes Vorgehen. (Foto: Thomas Schaller)

Vor 500 Jahren tobte der Bauernkrieg in Franken. In einem Interview schildern die Kreisobmänner des Bayerischen Bauernverbands Reinhold Meyer (Ansbach) und Jürgen Dierauff (Neustadt/Aisch-Bad Windsheim), welche Relevanz die Ereignisse von damals für Landwirte von heute noch haben.

Hat der Bauernkrieg im 16. Jahrhundert noch eine Bedeutung für Sie und Ihre Kollegen?

Jürgen Dierauff: Als historisch Interessierter komme ich zu dem Schluss, dass die Lage der Bauern von damals mit heute nicht zu vergleichen ist. Das Wort ist zwar das gleiche, aber man kann Landwirte von heute nicht mit denen von damals vergleichen. Das 16. Jahrhundert war eine Zeit der Veränderung. Deutschland war zersplittert. Mit dem Aufstieg der städtischen Patrizier verlor der Landadel seine Machtbasis. Die leibeigenen Bauern, die aufgestanden sind, wurden zum Spielball in den Auseinandersetzungen zwischen oberem und niederem Adel und anderen Konflikten.

Heute versuchen viele, den Bauernkrieg für ihre Geschichtsdeutung zu nutzen. Die heutigen Landwirte sind aber nicht nur die Nachfahren von damals leibeigenen Bauern, sondern ebenso von damals freien Bauern und Reichsrittern. Einen historischen Brückenschlag von damals bis heute würde ich nicht sehen.

Reinhold Meyer: Ich sehe es etwas anders. Es gibt schon einen Bezug zum Bauernkrieg. Damals war es die Abgabenlast, heute ist es die Bürokratie und die zu hohe Dieselsteuer. Die Landwirte fühlen sich stark unter Druck. Im vergangenen Jahr hat man gesehen, dass man durch den Zusammenhalt der Landwirte schon etwas erreichen kann. In den letzten Jahrzehnten hat das nicht so gegeben, dass die Landwirte alle an einem Strang gezogen haben. Dadurch sind die Politiker und die Bevölkerung darauf aufmerksam geworden, dass die Bauern zu stark gegängelt wurden.

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Wie ist es zu dieser Gängelung gekommen?

Dierauff: Die ländliche Bevölkerung war in der Ampel-Regierung nicht so repräsentiert. Entsprechend hat man gedacht, dass man da nicht an die eigene Klientel ran muss, wie zum Beispiel beim Heizungsgesetz. Wenn sich eine gesellschaftliche Gruppe in der Politik nicht mehr wiederfindet, ist das aber immer eine Gefahr. Wir wurden beim Agrardiesel übergangen. Der Bauernverband hat sich darum gekümmert, das zu kanalisieren. Unser Grundsatz war: Wir machen nur, was behördlich genehmigt wurde.

Zu den Personen

Reinhold Meyer (58) aus Binzwangen (Gemeinde Colmberg) ist Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes in Ansbach. Als solcher vertritt er die Interessen von 3200 Landwirten in Stadt und Landkreis Ansbach, gut 1000 von ihnen sind Vollerwerbslandwirte. Meyer besitzt 150 Milchkühe und 330 Rinder. Er bewirtschaftet etwa 160 Hektar Fläche. Für die CSU ist er Mitglied im Kreistag.

Jürgen Dierauff (54) aus Herbolzheim (Gemeinde Markt Nordheim) ist der BBV-Kreisobmann in Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Im dortigen Landkreis gibt es etwa 1400 landwirtschaftliche Betriebe, rund 500 davon im Vollerwerb. Dierauff betreibt eine Schweinemast mit etwa 2500 Tieren. Er bewirtschaftet 100 Hektar Fläche. Auch er ist CSU-Kreisrat.

Meyer: Wenn wir vom Bauernverband nicht gewesen wären – andere Verbände wären radikaler gewesen. Wir haben Prügel bezogen, weil wir angeblich zu brav waren, andere hätten durchaus nichts dagegen gehabt, wenn es zu Sachschäden gekommen wäre. Dafür hat es ja auch einzelne Beispiele gegeben.

Mit welchen Belastungen haben Landwirte heute vor allem zu kämpfen?

Meyer: Die Arbeitsbelastung, die sich manche aufbürden, und die Anforderungen durch die Bürokratie, des Handels und der Gesellschaft. Wenn jemand Schulden hat und die Marktlage schlecht ist, kommt es zu psychischen Problemen. Dazu kommen die Dokumentationspflichten, das liegt nicht jedem. Dann fehlt die Zeit und deswegen die Sorgfalt. Wenn schließlich eine Kontrolle kommt, entsteht ein Teufelskreis. Manche steigen ganz aus, oder die junge Generation führt den Hof nicht weiter. Eigentlich haben wir ja ein gutes Ansehen bei der Bevölkerung, aber manchen Randgruppen kann man nichts gut genug machen. Aktuell sieht man das an der Frühjahrsmahd und den Rehkitzen. Wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ein Kitz zu Schaden kommt, gibt es sofort eine Anzeige, obwohl der Landwirt alles getan hat. Keiner will ja, dass sowas passiert.

Dierauff: Das sehe ich genau so. Wir kämpfen mit dem wirtschaftlichen Druck, mit dem bürokratischen Druck und mit dem gesellschaftlichen Druck. Radikale Tierschützer setzen teilweise illegale Mittel ein. Bei uns in Neustadt hat eine Gruppe vor einiger Zeit wahllos Milchviehhalter angezeigt wegen angeblicher Tierquälerei durch Anbindehaltung. Dabei hat es sich um Betriebe mit Laufstallhaltung gehandelt. Irgendwann schaut die Polizei auf dem Hof vorbei – sagt aber nicht, wer die Anzeige erstattet hat. Dann müssen wir einen Anwalt einschalten und erfahren trotzdem nicht alles.

Bei ungerechtfertigten Anzeigen fühlt man sich ungerecht behandelt. Der Staat hilft uns nicht, sondern schützt den anonymen Anzeiger. Er richtet sich nach Querulanten statt sich vom gesunden Menschenverstand leiten zu lassen. Auch bei Bauernpräsident Günter Felßner war es kürzlich so: Da ist ein Punkt überschritten, das geht einfach nicht mehr.

In Neustadt haben am Montagmorgen zahlreiche Landwirte mit ihren Traktoren die Hauptverkehrsadern weitgehend lahmgelegt. (Foto: Flugsportgruppe Neustadt/Maximilian Graf)
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Wer ist für diese Drucksituation verantwortlich?

Dierauff: Die Politik könnte etwas ändern, wenn sie willens ist. Dafür wäre ein besserer Abwägungsprozess zwischen Organisationen, die sich dem Tier- und Umweltschutz verpflichtet fühlen, und wirtschaftlichen Interessen nötig. Wir bräuchten mehr Pragmatismus statt den lautesten Schreihälsen zu folgen.

In vielen Bereichen haben wir im Tierschutz die weitreichendsten Vorschriften in Deutschland, aber einen europäischen Markt. Die tschechischen Ferkel, die nach europäischem Recht betäubungslos bis zum siebten Tag kastriert werden dürfen, sind voll handelsfähig in Deutschland, wo nur unter Vollnarkose kastriert werden darf. Das führt zu steigenden Kosten und sinkender Produktion in Deutschland, also zu Wettbewerbsverzerrungen. Bei uns geht die Schweinehaltung zurück, während sie in Spanien aufgestockt wird. Man bräuchte Zollgrenzen, wenn man höhere Standards verlangt. Aber wollen wir in Deutschland Zollgrenzen? Nein.

Dann darf aber der Unterschied zum europäischen Niveau auch nicht zu groß sein. In den letzten Jahren war er exorbitant. Deswegen sollten die Politiker, wenn sie Gesetze machen, auch darauf schauen, was die anderen Länder um uns herum machen. In erster Linie sind hier die Bundes- und Landesregierung gefordert. Dieeuropäischen Regeln werden bei uns sehr hart und bürokratisch umgesetzt.

Meyer: Vor allem sind die Gesetze der EU verantwortlich, die die Rahmenbedingungen vorgeben. In Deutschland kommt dann meistens noch etwas drauf. Schuld ist aber auch der Wohlstand in Deutschland, der für hohe Ansprüche sorgt. Wenn es ums Einkaufen geht, ist aber alles wieder vergessen. Da wird dann auf den Preis geschaut. Die Verbraucher sollten mehr darauf schauen, wo die Produkte herkommen und unter welchen Bedingungen sie entstehen.

Wenn man sich wehren will, wie sollte man das tun?

Meyer: Andere Branchen können streiken, wir Landwirte können das nicht. Unsere Lebensmittel wachsen einfach nach. Die kann man nicht wegschütten oder wegwerfen, das macht man nicht. Wir können nur durch Demonstrationen und Mahnfeuer auf uns aufmerksam machen. Die Demos 2024 haben uns gezeigt, dass etwas zu machen ist, wenn alle zusammenhalten. Die Politiker haben gesehen, wenn die Landwirte zu sehr gegängelt werden, wehren sie sich.

Zum anderen ist es wichtig, die Bevölkerung und die Entscheidungsträger aufzuklären, wie die Produktionsabläufe sind. Viele haben noch das Bild eines Bauernhofs von früher mit ein paar Tieren im Kopf. Wir müssen unser Fachwissen rüberbringen, was wir machen und warum wir das machen. Das gilt auch für den Pflanzenschutz.

Dierauff: Das erste Mittel der Wahl für einen Verband ist das Gespräch. Erst wenn wir abblitzen, greifen wir zu härteren Mitteln wie Demonstrationen. So haben wir der Politik gezeigt, dass wir uns nicht alles gefallen lassen. Ich denke, das ist angekommen. Man merkt es daran, dass Politik und Verwaltung wieder viel vorsichtiger agieren. Beispiele sind die erhöhte Agrardiesel-Besteuerung, die jetzt doch nicht kommen soll und die Überarbeitung des grundsätzlich richtigen Tierhaltungs-Kennzeichnungsgesetzes, um fachliche Fehler zu korrigieren.

Viele, die bei landwirtschaftlichen Fragen mitdiskutieren, kennen die Zusammenhänge nicht. Es gibt zum Beispiel kaum ein Produkt im klassischen Ackerbau, das nur Futter ist oder nur für die menschliche Ernährung. Das wird in der Regel vergessen, wenn kritisiert wird, dass zu viele Flächen für den Futteranbau verwendet werden. Beispiele sind die Zuckerrübe, der Weizen oder der Raps. Und was sollen wir mit den Wiesen machen? Die speichern CO2 im Boden und können am besten über die Kuh verwertet werden. Sollen wir die umbrechen? Für den Gemüseanbau, bei dem wir bewässern müssten – mit Wasser, welches wir im trockenen Franken nicht haben?


Thomas Schaller
Thomas Schaller
Redaktion Westmittelfranken/Landkreis Ansbach
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