Es regnet Bindfäden. Die Baumwipfel verschwinden im dichten Nebel, auf den Grasspitzen rund um den Zeltplatz glitzern feine Tropfen gegen das trübe Grau des frühen Morgens an. Auf einer Wiese im Taubertal unterhalb von Rothenburg campiert eine mittelalterlich gekleidete Truppe aus Schillingsfürst.
Und trotzt dem ungünstigen Wetter mit guter Laune. Bereits seit zwei Tagen ist der Schillingsfürster Bauernhaufen nun schon unterwegs. Nun bricht der dritte Tag an. Der Marsch führt die Teilnehmenden von Schillingsfürst über Rothenburg und einen Abschnitt des Taubertals Richtung Giebelstadt südlich von Würzburg – eine Route von rund 65 Kilometern.
Vor 500 Jahren soll sie schon einmal so von Bauern beschritten worden sein: Im Zuge des damaligen Bauernkriegs zogen sie in die unterfränkische Stadt, um sich dort dem Bauernführer Florian Geyer anzuschließen und die Festung Marienberg in Würzburg anzugreifen.
Die Schillingsfürster Historiengruppe will mit ihrer Aktion an den damaligen Marsch erinnern, wobei nicht sicher ist, dass der Zug anno 1525 auf der exakt gleichen Strecke unterwegs war. Die Teilnehmenden tragen teils selbstgeschneiderte Gewänder aus Leinen und Wolle, manche mit Federn an den Hüten oder Messingknöpfen an den Mänteln. Die Kleidung soll möglichst authentisch sein – und dennoch dem Regen standhalten.
Jürgen Schauer lacht, als er zurückblickt: „Ich habe die dumme Idee gehabt, den Marsch zu organisieren. Ich habe das total unterschätzt, wir haben wirklich die zwei Jahre Vorbereitung gebraucht.” Die Zelte waren vorhanden, das Zubehör stand bereit, und auch die Handwagen gehörten zum Bestand.
Die Organisation der Lagerplätze jedoch dauerte lange, so Schauer. „Vor 500 Jahren wären wir einfach losgezogen und hätten irgendwo campiert.“ Das sei heutzutage so gut wie unmöglich. Wo kann man schlafen? Gibt es Toiletten und Strom? Diese Fragen mussten vor Beginn geklärt werden. Der Marsch soll zwar authentisch sein, aber eben auch Spaß machen, betont der Organisator.
Und so wird es auch umgesetzt: Frühstück gibt es aus Holztellern, mit Besteck aus Stahl mit hölzernen Griffen, die Getränke aus Tongefäßen oder Messingkrügen. „Die Gabeln dürfen keine drei Zinken haben – das ist des Teufels! Es gehen vier oder zwei“, erklärt Margot Schauer und holt eine Gabel hervor, die an einem ledernen Gürtel rund um ihre Hüfte befestigt ist.
Daneben hängt ein Messer, ebenfalls mit Holzgriff. Das sei praktisch, so Schauer. Im Mittelalter gab es keine Taschen in der Kleidung, Gürtel dienten zur Aufbewahrung von Werkzeug, aber auch von Waffen. Ihr Mann Jürgen zückt eine Bauernwehr. Sie diente zur Verteidigung, aber auch dazu, Holz zu hacken oder andere Dinge zu zerkleinern.
Zu essen gibt es – modern – Brötchen mit Marmelade, Käse, Wurst, Honig, „alles, was das Herz begehrt“. Auch gegen den Regen schützt sich die eine oder andere Person mit einem Regencape oder einer Regenjacke. „Wir gehen mit den Gewändern, aber wir haben auch moderne Schuhe an“, fügt Schauer hinzu. Mit Mittelalterschuhen könne man nach zehn Kilometern am nächsten Tag kaum noch laufen. „Man muss Kompromisse machen“, lautet sein Fazit.
Seit sieben Uhr sind die Teilnehmenden wach, frühstücken und bereiten sich auf den Aufbruch vor. Rund 15 Personen sind fest dabei, gelegentlich stoßen weitere für einen Tag hinzu. Auch die Schwarze Schar Ohrenbach ist mit dabei. Für viele ist es „der absolute Höhepunkt“ des Bauernkriegs-Gedenkjahrs. Geschlafen wird in mehreren Zelten, acht Personen pro Zelt – in Schlafsäcken oder auf Feldbetten. „Das kann man heutzutage nicht anders handhaben“, erklärt Jürgen Schauer schmunzelnd.
„Nach dem ersten Tag dachte ich: Oje. Ich sitze ja sonst im Büro – das war eine echte Umstellung“, gesteht Margot Schauer. Die erste Etappe war lang, über 16 Kilometer. „Aber gestern war's schon entspannter. Man gewöhnt sich dran. Schlaf im Zelt ist halt nicht wie daheim.“
Nach dem Frühstück finden sich alle zusammen und packen beim Zeltabbau mit an. Die Zelte stehen auf schmalen Stämmen – Birke, Esche, Haselnuss oder Buche. Bunt gemischt, so Schauer. Auch diese sind selbstgemacht, ebenso die Heringe, die wie kleine Kreuze den Boden rund um die Zelte säumen und deren Seile im Boden verankern. „Vieles ist hier Eigenbau“, sagt Schauer lachend.
In Windeseile werden die Zelte abgebaut. „Wir sind ein eingespieltes Team“, ist sich die Truppe sicher. Die Heringe werden mit einem eigens dafür geschweißten Werkzeug – einem umgebauten Pickel – aus dem Boden geholt, die Stämme aus den Ösen gelöst. „Da habt ihr aber garstig gebunden“, ruft einer beim Herausziehen und lacht.
Dann fallen die Zelte in sich zusammen, werden zu langen Rollen gefaltet und in einen Laster verladen. Sie zu Fuß mitzunehmen, wäre keine Option: „Trocken ist so ein Zelt 50 Kilo leichter als jetzt“, erklärt Schauer. So bleibt nur der Transport per Fahrzeug. Der Lkw fährt bereits voraus zur nächsten Station: der Holdermühle nördlich von Tauberzell.
Kurz vor zehn Uhr ist alles verstaut. „Meine Leute, ich wünsche uns einen guten Lauf. Haltet euch wacker, keine Verluste!“ ruft eine der Frauen. Und dann: „Auf die Bauern!“ – „Auf die neie Zeit!“, antwortet die Gruppe. Der Regen hat nachgelassen, es ist ziemlich kühl. Die Räder der zwei Leiterwägen rattern über den Asphalt, ein „Schlussmensch“ bildet das Ende der Truppe. Als ein Fahrrad naht, ruft jemand: „Vorsicht, Fahrrad!“ – alle machen Platz.
In einem der Wagen ist etwas, das man von außen nicht vermutet. Klappt man den schwarzen Deckel auf, entdeckt man Isolationsmaterial und mehrere Getränkekisten mit Bier, Apfelsaft, Wasser oder Limonade. „Eine Kühltasche auf Rädern”, freut sich Schauer.
Das andere Wägelchen ist bereits über 100 Jahre alt. In ihm wird die Kleidung der Mitmarschierenden transportiert. Diese ist in Holzkörben sortiert, zugedeckt mit einem beigen Jutesack. An der Seite schaut noch ein moderner Regenschirm heraus. Und obenauf sitzt Hund Valentin. Er gehört zu Wilhelm und Heidi Ott.
„Ich war am Samstag dabei, dann brauchte ich einen Tag Pause. Heute bin ich wieder mitgekommen“, erzählt Heidi Ott. Das Ehepaar gehört zur Schwarzen Schar Ohrenbach und ist mit dem Schillingsfürster Bauernhaufen freundschaftlich verbunden – deshalb marschieren sie mit.
Was ist das Besondere an solchen Veranstaltungen? „Die Kameradschaft und das Zusammensein – da haben wir immer einen Mordsgaudi“, erklärt Ott lachend. Auch für Susan Leybold, die gemeinsam mit Sohn Jannis für einen Tag mitmarschiert, macht die Gemeinschaft und das Miteinander die Veranstaltungen aus. „Es ist auch entschleunigend, mitzumarschieren”, findet sie.
Elf Kilometer Strecke haben sie an diesem Tag zu absolvieren, ihre eigens gefertigten Waffen in der Hand. Es ragen Lanzen in die Höhe, Knüppel oder auch Waffen, die an Heugabeln erinnern. Der Regen rauscht wieder auf die Köpfe herab, die Teilnehmenden ziehen sich ihre Kapuzen etwas tiefer ins Gesicht. Die Säume der mittelalterlichen Kleidung sind nun nass.
Manche Gewänder sind wasserfest. Jürgen Schauer trägt eine Weste aus dem Stoff eines umfunktionierten Mehlsacks. „Das Gewebe wird bei Regen wasserdicht”, sagt er. Knöpfe, die Mäntel zusammenhalten, sind aus Metall und die Federn an den Hüten bewegen sich bei jedem Schritt auf und ab. Dann macht die Gruppe eine Pause: Es gibt Getränke – und den einen oder anderen Scherz nebenbei.
Dann geht es wieder los. Dann wird die Gruppe noch drei weitere Tage marschieren, bis das Ziel Giebelstadt erreicht ist. Bis dahin klappern die Räder weiter über den Asphalt, die Lanzen wiegen sich im Takt der Schritte – über allem liegt der feine Duft von nassem Gras. Und die Vergangenheit schwingt Schritt für Schritt mit.