Von außen wirkt es unscheinbar: ein Bürogebäude über der Feuerwache. Doch dort ist der Dreh- und Angelpunkt für den Ernstfall. Rund um die Uhr koordiniert das Team hier Notrufe, Rettungseinsätze und Katastrophenschutz für die Region Westmittelfranken.
Es ist kurz vor 7 Uhr morgens, die Stadt liegt noch unter einer dichten Nebeldecke, doch in der Integrierten Leitstelle (ILS) Ansbach herrscht schon reges Treiben. Mit dem Schichtwechsel um 6.45 Uhr beginnt ein neuer Arbeitstag. Eine kurze Übergabe. Die Tagschicht legt los.
Tobias Wiesen ist heute einer der Disponenten. Das sind die Frauen und Männer, die das Notfallgeschehen in Stadt und Landkreis Ansbach sowie im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim im Griff haben und entscheiden, welche Kräfte ausrücken.
Wiesen nimmt seinen Platz ein. Schon klingelt das Telefon: ein unbeabsichtigter Notruf. Solche Fehlalarme gehören zum Alltag der Leitstelle, doch nicht lange danach wird Wiesen mit einem ernsteren Fall konfrontiert – eine Frau im komatösen Zustand, der Anrufer in Panik. Wiesen beruhigt ihn, koordiniert den Einsatz und betreut bis zum Eintreffen der Rettungskräfte den Anrufer am Telefon.
„Aus jedem zweiten bis dritten Anruf ergibt sich ein Einsatz.“
Jährlich verzeichnet die ILS Ansbach etwa 140.000 ein- und ausgehende Anrufe, darunter Notrufe der Nummern 112, 19222 und sogar der US-amerikanischen 911. „Aus jedem zweiten bis dritten Anruf ergibt sich ein Einsatz“, erläutert Markus Seegert, stellvertretender Leiter der ILS. Man geht hier gezielt vor, um die echten Notfälle herauszufiltern, denn „nicht jeder Betrunkene bekommt bei uns einen Rettungswagen“.
Dennoch spürt das Team die steigende Belastung, bei etwa 62.000 abgearbeiteten Notfällen im Jahr. Einsätze werden komplexer, die Anforderungen höher. Tobias Wiesen und Markus Seegert sind sich einig, dass der Bedarf an Einsätzen und vor allem die Intensität dieser Vorfälle merklich zugenommen hat.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Fachkräftemangel in den Krankenhäusern und damit einhergehend ausgeschöpfte Kapazitäten der Krankenbetten. Daraus resultierten lange Transportzeiten in weiter entfernte Kliniken für das Rettungspersonal. Das setze dem gesamten Rettungssystem enorm zu.
Zudem bemerken die Mitarbeitenden in der Leitstelle eine gewisse Hilflosigkeit in der Bevölkerung. Früher wurden die Eltern, die Nachbarn oder der Hausarzt bei kleineren Notfällen um Hilfe gebeten. Heutzutage ist der Griff zum Telefon und die Nummer des Notrufs für viele das einfachste Mittel.
Neben den klassischen Aufgaben übernehmen die Mitarbeitenden immer häufiger eine beratende Rolle. „Manche Leute rufen einfach an, weil sie jemanden zum Reden brauchen“, schildert Seegert. Die Disponenten sind dann nicht nur Notfallkoordinatoren, sondern auch einfühlsame Zuhörer.
Die 51 Beschäftigten der ILS Ansbach, darunter 15 Teilzeitkräfte, arbeiten in anspruchsvollen Zwölf-Stunden-Schichten. Wenn Großschadenslagen oder besondere Einsatzlagen eintreten, unterstützt zusätzlich die „Unterstützungsgruppe Integrierte Leitstelle“ mit ihren 15 Teilzeitkräften.
Doch die räumlichen Kapazitäten am aktuellen Standort im Ansbacher Stadtteil Eyb sind schon im Normalbetrieb an ihren Grenzen. Container nahe des Gebäudes sollen den Platzmangel überbrücken, doch die Bedingungen bleiben beengt und erschweren den Disponenten die Arbeit zusätzlich.
Auf fünf Bildschirmen hat Tobias Wiesen ständig alle aktuellen Einsätze, die Fahrzeuge im Dienst und die Textmaske für eingehende Anrufe offen. Auf einem Touchdisplay im Tisch, welches sich knapp über seiner Tastatur befindet, kann er eingehende Telefonate annehmen. Außerdem kann er sich dort auf Funkkanäle schalten, um die Kräfte zu koordinieren.
In der Leitstelle planen die Disponenten ebenfalls Krankentransporte, die ein medizinisches Equipment benötigen. In der Leitung bei Wiesen sind deshalb oft auf den Transport wartende Patienten oder Kliniken, die einen neuen Auftrag haben. Eine Arbeit, die zusätzlich zum Notfallgeschehen erledigt werden muss. Das alles fordert viel Konzentration von den Disponenten.
Der im Bau befindliche neue Leitstellenkomplex im Ansbacher Ortsteil Brodswinden soll die Situation verbessern. Er ist so konzipiert, dass er auch in den nächsten 30 Jahren den Anforderungen des Leitstellenbetriebs gerecht wird. Was wenn nicht? Dann gibt es zusätzliche Flächen, die Anbauten und Erweiterungen zulassen. „Mit dem Neubau werden wir endlich auch den rechtlich vorgeschriebenen Standards gerecht“, betont Seegert.
Auch personell stehen Veränderungen an. Die kürzlich vorgestellte Personalbedarfsplanung der Stadt Ansbach sieht künftig 7,5 neue Stellen vor: Zwei Vollzeitstellen für die IT-Systemverwaltung, zwei Vollzeitstellen für IT-Sicherheitsbeauftragte, eine halbe Stelle für einen Qualitätsbeauftragten, eine Vollzeitstelle für einen Lehr-Disponenten und zwei Vollzeitstellen für Einsatz-Disponenten.
Ab 2025 wird die Ausbildung der Disponenten in ganz Bayern reformiert: Aus einer zweijährigen Weiterbildung, die Kenntnisse aus Feuerwehr und Rettungsdienst voraussetzt, wird eine dreijährige Berufsausbildung. So sollen Schulabsolventen gewonnen werden. Bereits jetzt setzt die Ansbacher Leitstelle Maßstäbe in Bayern. Als erste Einrichtung führte sie vor 15 Jahren ein Qualitätsmanagementsystem ein. Regelmäßige Reflexion und Weiterentwicklung sichern seither die Professionalität der Einsätze.
Die Monitore flimmern, das Telefon klingelt erneut. Der Schichtwechsel für die Nacht ist erst in einigen Stunden, doch die Arbeit kennt keinen Schluss – weder jetzt noch in den nächsten zwölf Stunden.