Am 8. Mai 1995 gründete Karl Wagner die Seniorenresidenz Ansbach. 30 Jahre später ist er der Einrichtung als Geschäftsführer immer noch mit Leidenschaft verschrieben. Trotz wachsender Herausforderungen sieht er das Konzept als Erfolg.
„Anfangs war schon der Gedanke da ... du bist ein kleiner Sozialarbeiter, schaffst du das überhaupt?“ Karl Wagner sitzt in seinem schmalen Büro im Erdgeschoss der Seniorenresidenz Ansbach: „Ich bin an diesem Rohbau vorbeigeschlichen und wusste, ich muss 50.000 Mark Pacht zahlen.“
Im Mai 1995 war klar, er hatte es geschafft. Gemeinsam mit Pflegedienstleiterin Susanne Siegfried eröffnete Wagner die Seniorenresidenz in der Ludwig-Keller-Straße. Die Altenpflegerin und den ausgebildeten Sozialpädagogen, die zuvor beide im Haus Onoldia gearbeitet hatten, trieb ein Ziel an: Sie wollten alten Menschen eine Möglichkeit bieten, schrittweise vom betreuten Wohnen in ein Pflegeheim kommen zu können.
Vorbilder hätten sie für dieses Konzept keine gehabt. „Das typische Altenheim, in dem die Leute ein Bett, einen Schrank und vielleicht ein Fernsehgerät haben, kam mir veraltet vor. Ich fand, die Leute sollten richtige Wohnungen haben“, schildert Geschäftsführer Wagner seine damalige Vision.
Einerseits habe er eine Nachfrage an ambulanter Pflege, andererseits einen höheren Anspruch ans Wohnen beobachtet. Diese beiden Bedürfnisse sollte die Seniorenresidenz vereinen. Deshalb können Bewohner auch eine hauseigene Sozialstation in Anspruch nehmen. „Die Leute kaufen sich bei uns ein Stück Sicherheit“, formuliert es Susanne Siegfried.
Vor der Seniorenresidenz gehörte das Grundstück der Gärtnerei Hermann. Der Bauträger habe zunächst die Idee gehabt, ein Pflegeheim zu bauen. Auf Nachfrage brachte Karl Wagner sein Konzept vor. „Und von da an saß ich in der Tinte“, erinnert sich der 73-Jährige schmunzelnd. Doch das Angebot sei gut angekommen. Die 106 Wohnungen waren schnell ausgebucht. Nur ein Punkt habe immer wieder für Diskussionen gesorgt.
Wer in der Seniorenresidenz lebt, zahlt unabhängig von den Leistungen, die er beansprucht, eine Pflegepauschale. Die sei dem einen oder der anderen immer mal wieder ein Dorn im Auge gewesen. Trotzdem hat sich das Konzept in Wagners Augen bewährt.
Auch harte Zeiten blieben der Einrichtung nicht erspart. Anfang der 2000er-Jahre seien viele Betten unbesetzt geblieben und dadurch große Verluste entstanden. Solche Herausforderungen löste das Personal teils mit ungewöhnlichen Schritten.
Als der Geschäftsführer eigentlich gezwungen gewesen wäre, zwei Pflegestellen zu streichen, verzichtete das Team auf zehn Prozent des Gehalts, um ihre Kolleginnen zu behalten. „Das war unglaublich, aber die haben alle mitgemacht“, so Wagner. „Wir halten zusammen, wir gehen da durch und wir schaffen es“, das sei seit jeher die Philosophie des Hauses.
Pflegedienstleiterin Siegfried verschweigt jedoch nicht, dass es immer schwieriger wird, Personal zu finden. Es sei nicht nur so, dass weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen: „Früher hatten wir auch mal Praktikanten, das wird immer weniger. Es gab Zeiten, in denen wir Stapel von Bewerbungen auf dem Schreibtisch hatten.“
Damals sei die Schwierigkeit gewesen, Leuten abzusagen, die optimal geeignet gewesen wären, fügt Karl Wagner hinzu. Heute sei es andersrum. „Was unsere Leute einspringen, ist ein Wahnsinn“, lobt Susanne Siegfried ihre Truppe. Auch Arbeitsmigration spiele zunehmend eine Rolle, um der Personalnot zu begegnen. Anfangs seien vor allem Mitarbeiter aus Osteuropa zum Team gestoßen. „Aus dem Gefühl raus würde ich sagen, die Deutschen sind hier in der Minderheit“, schätzt die 63-Jährige.
Wenn sie an die vergangenen 30 Jahre denkt, fallen ihr vor allem viele tolle Persönlichkeiten ein: „Wir haben hier unendlich viele Geschichten erlebt, die kann man gar nicht alle erzählen.“ Susanne Siegfried und Karl Wagner erinnern sich an eine Frau, die auch im Alter von weit über 100 Jahren immer adrett gekleidet mit Hut durchs Haus stolzierte, oder an einen Mann, der mit seinem Vogelfutter versehentlich Cannabispflanzen auf seinem Balkon züchtete. Auch weit gereiste und hochgebildete Menschen, die die Stadtgeschichte Ansbachs geprägt haben, fanden im Alter ihre Heimat in der Seniorenresidenz.
Im Vordergrund habe immer das Wohl der Menschen gestanden, betont Wagner: „Susanne und ich haben uns immer als Handwerker verstanden, wir wollten immer schauen, dass es den Leuten gut geht.“
Dieser Grundsatz müsse erhalten bleiben. Denn mit 73 ist dem Geschäftsführer bewusst, dass die Seniorenresidenz irgendwann einen neuen Chef finden muss. „Ich möchte nicht, dass hier jemand herkommt, der mit spitzen Bleistiften die Rendite ausrechnet, sondern ich will, dass wieder jemand kommt, der Verantwortung für Menschen übernimmt“, beschreibt Wagner die Aufgabe.
Sollte für Karl Wagner einmal der Tag kommen, an dem der Traktor, die Motorsägen und die Scheune, die er zu Hause hat, zur Last werden, könnte er sich gut vorstellen selbst in eine Wohnung der Seniorenresidenz zu ziehen. Allerdings müsse dafür ein gewisser Punkt erreicht sein.
Und mit dem gebügelten Hemd aufrecht hinter seinem Schreibtisch sitzend, kann er nicht verstecken, dass dieser Punkt für ihn noch in der Ferne liegt.