Spätestens in der fünften Klasse haben fast alle Kinder ein Handy. Was praktisch ist, um sich zu verabreden oder wegen der Hausaufgaben nachzufragen. Aber: Den Umgang mit dem Smartphone müssen die Zehnjährigen erstmal lernen. Die FLZ hat mit Kriminalhauptkommissarin Kirstin Kasecker von der Kripo Ansbach über die Gefahren gesprochen.
Was empfehlen Sie Eltern, wenn das Kind sein erstes Handy bekommt?
Ganz wichtig ist, dass die Eltern Zugriff auf dieses Handy haben. Sie müssen den PIN-Code kennen und wissen, welche Apps das Kind nutzt und in welchen Chatgruppen es unterwegs ist. Und sie sollten regelmäßig einen Blick in diese Gruppen werfen – zum Beispiel in die WhatsApp-Gruppe der Schulklasse. Die Eltern haben die Pflicht zu kontrollieren. Das heißt, bei Kindern in der fünften bis etwa siebten Klasse darf es beim Smartphone und Internet nur wenig Privatsphäre geben. Das sollte man mit den Kindern natürlich ganz offen besprechen, statt heimlich nachzuschauen. Generell sollten die Kinder keine Apps ohne Wissen der Eltern herunterladen.
Die Kriminalhauptkommissarin Kirstin Kasecker (53) ist bei der Kripo Ansbach Leiterin des Fachbereichs Sexualdelikte. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Fällen von Kinderpornografie, sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung.
Vorher war sie sieben Jahre vorwiegend im Bereich Prävention tätig, wozu zum Beispiel Besuche in Schulklassen gehörten.
Gelegentlich referiert Kirstin Kasecker auch jetzt bei Veranstaltungen für Eltern, Lehrer oder Schüler.
Ist WhatsApp, eine für Mitteilungen genutzte App, nicht sowieso erst ab 16 Jahren gestattet?
Ja, aber das interessiert niemanden, das wird nicht kontrolliert und hat keine rechtlichen Auswirkungen. Tatsache ist, dass fast alle Schulklassen oder auch Sportvereine WhatsApp für den Austausch von Infos nutzen. Aber da werden dann auch immer wieder mal Sachen geteilt, die strafrechtlich relevant sind. Das kommt sehr häufig vor, und so ziemlich jeder Fünftklässler wird damit mal konfrontiert.
Um was geht es denn dabei?
Natürlich erstmal um alles, was mit Pornografie zu tun hat. Dabei muss man bedenken, dass seit der Verschärfung des Sexualstrafrechts am 1. Juni 2021 der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie zum Verbrechenstatbestand hochgestuft wurden. Das bedeutet: mindestens ein Jahr Gefängnis. Wenn jetzt zum Beispiel in einer WhatsApp-Klassengruppe entsprechende Bilder oder Filme hochgeladen sind und das zur Anzeige kommt, kann es passieren, dass bei allen Kindern aus der Gruppe die Polizei mit Durchsuchungsbeschluss vor der Tür steht.
Was kann man als Elternteil tun, um so etwas zu vermeiden?
Man sollte die Kinder dafür sensibilisieren, alle pornografischen Bilder oder Filme sofort zu löschen, wenn sowas in WhatsApp auftaucht – egal ob in einer Gruppe oder in einer Nachricht vom besten Kumpel. Und als Elternteil muss man eben zusätzlich kontrollieren, was in den WhatsApp-Chats der Kinder los ist. Falls man etwas findet, was zum Beispiel in den Bereich Kinderpornografie gehören könnte: komplett löschen und keinesfalls vor lauter Schreck weitersenden, um zum Beispiel einer anderen Mutter zu zeigen, was da Schlimmes geteilt wurde. Damit würde man Kinderpornografie verbreiten. Auch der Schule oder der Polizei darf solches Material nicht als Beweismittel übersandt werden.
Sollte man stattdessen zur Polizei gehen mit dem Material?
Ich empfehle als ersten Schritt, die Sachen doppelt zu löschen, also auch aus dem Papierkorb, und mit den Eltern des Kindes, das so etwas eingestellt hat, Kontakt aufzunehmen. Auch Vertrauenslehrer oder Schulpsychologen könnte man ansprechen. Wenn es allerdings öfter vorkommt, dass ein bestimmtes Kind verbotenes Material teilt, sollte man sich an die Polizei wenden. Es geht hierbei nicht nur um Pornografie, sondern auch um Gewalt oder Material mit rechtsextremistischem Inhalt.
Sowas ist ebenfalls verboten?
Ja, klar, rechtsextreme Propaganda sowieso, auch die taucht immer wieder in WhatsApp-Chats auf. Und jüngere Kinder wissen oft gar nicht, mit was sie es da zu tun haben. Verboten ist außerdem alles, was in den Bereich Gewaltverherrlichung fällt. Wir reden hier zum Beispiel von illegalen Tötungsvideos, sogenannten Snuff-Videos, denn auch damit werden manchmal schon Fünftklässler konfrontiert. Dabei ist das Hauptproblem, dass die Kinder die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommen, sie haben dann Flashs abends im Bett. Manche Kinder brauchen psychologische Betreuung, wenn sie sich so etwas angeschaut haben. Die Mord-Videos sehen zum Teil unglaublich echt aus, manche sind wohl auch echt, und mit KI wird da künftig noch mehr möglich sein.
Was sollte man den Kindern raten, wenn tatsächlich sowas auf ihrem Smartphone auftaucht?
Sei stark und schau es nicht an! Das ist der beste Weg. Clevere Kinder schauen sich sowas nicht an! Auch dann nicht, wenn die Kumpels das zur Mutprobe erklären. Man sollte die Kinder darin bestärken, solche Videos ungesehen zu löschen.
Womit müssen denn die Kinder – und deren Eltern – noch rechnen?
Mit Kettenbriefen zum Beispiel, die gab es früher ja auch schon. In WhatsApp-Chats sind immer wieder solche Briefe mit gewaltverherrlichendem Inhalt im Umlauf, manche tauchen sogar regelmäßig auf. Das ist zum einen verboten, weil hier sprachlich Gewalt verherrlicht wird, zum anderen können jüngere Kinder sehr verängstigt werden. Wenn ihnen zum Beispiel gedroht wird, dass sie und ihre Eltern brutal ermordet werden, wenn sie den Brief nicht an 20 ihrer Kontakte weiterschicken. Man sollte mit seinen Kindern darüber sprechen, dass die Kettenbriefe totaler Quatsch sind und dass niemandem etwas passieren wird. Jugendliche nehmen solche Briefe meist nicht mehr ernst, aber ein zehnjähriges Kind kann schon sehr verstört sein.
Solche Gespräche mit dem Nachwuchs sind also sinnvoll, schon bevor die Kinder auf etwas möglicherweise Verstörendes stoßen?
Natürlich, das ist am besten. Dann sind die Kinder schon auf vieles vorbereitet. Überhaupt ist ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Kindern sehr wichtig. Sie sollen wissen, dass sie wirklich mit allem zu den Eltern kommen können – egal, wie schlimm es ist. Auch wenn sie mit einer Sache im Internet Probleme haben. Die Kinder müssen wissen, dass die Eltern einen Weg finden können, um zu helfen.
Wie könnten Eltern noch unterstützen, wenn die Kinder erstmals regelmäßigen Zugang zum Smartphone haben?
Sie sollten mit den Kindern über das Thema Datensparsamkeit sprechen. Das heißt: Die Kinder sollen keine frontalen Profilbilder hochladen. Die können nämlich leicht rauskopiert und missbräuchlich verwendet werden. Besser ist daher ein Foto von hinten oder einfach ein lustiges Motiv oder meinetwegen die Hauskatze. Auch Adresse, Telefonnummer und so weiter sollen nirgends angegeben werden. Hier müssen wir Erwachsenen natürlich ein Vorbild sein und auch sparsam mit unseren Daten umgehen statt alles ins Internet reinzuknallen. Woher soll das Kind sonst wissen, dass das keine gute Idee ist?
WhatsApp wird also regelmäßig kontrolliert auf dem Handy des Fünftklässlers. Was sollten Mutter oder Vater noch konkret im Blick haben?
Chatplattformen für Kinder und Jugendliche sind sehr beliebt, davon gibt es etliche. Eigentlich kommuniziert man mit Gleichaltrigen, aber es sind auch viele Pädophile dort unterwegs. Das Vorgehen ist immer ähnlich: Die Pädophilen geben sich als gleichaltrige Mädchen oder Jungen aus, stellen Vertrauen her, es entsteht eine vermeintliche Freundschaft. Dann schickt der Täter Fotos, die angeblich ihn zeigen. Das sind aber Bilder aus dem Internet von einem Teenager und nicht vom Täter, der vielleicht ein alter Mann ist. Dann wird das angeschriebene Mädchen gefragt, ob es auch ein Bild schickt, zum Beispiel ohne Oberteil. Wenn das Mädchen das dann macht, beginnt die Erpressung. Der Täter will jetzt immer mehr Fotos. In diesem Bereich sind vor allem Mädchen betroffen, aber es passiert auch Jungen.
Wie kann man denn die Tochter oder auch den Sohn schützen, um nicht in so eine Situation zu geraten?
Immer wieder dafür sensibilisieren, was passieren kann. Erklären, dass sich in Chaträumen Pädophile tummeln. Dass hinter dem vermeintlich süßen Zwölfjährigen ein Erwachsener stecken kann. Hier ist nun wieder das Vertrauen sehr wichtig: Die Kinder müssen einfach wissen, dass sie auch zu den Eltern kommen können, falls schon etwas sehr Blödes passiert ist.
Haben Sie noch einen abschließenden Tipp für Eltern im Zusammenhang mit dem ersten Smartphone der Kinder?
Lassen Sie sich künftig von den Kindern helfen, wenn Sie selbst ein neues Handy einrichten. Sie sparen sich sehr viel Zeit, da die Kinder das viel schneller schaffen. Und die Kinder freuen sich, dass sie Mama und Papa auch mal was zeigen können. Das schafft auch wieder Vertrauen.
Weitere Informationen zum Thema gibt es zum Beispiel auf den Internetseiten www.klicksafe.de, www.polizei-beratung.de oder www.jugendschutz.net.