„Sehr spannend, sehr arbeitsverdichtet, unglaublich viele Antrittsbesuche, so viele Gespräche.“ Ein bisschen atemlos klingt sie, die erste Bilanz des Dr. Christian von Dobschütz, seit er am Dienstag 100 Tage im Amt des Landrats im Kreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim ist. Aber: „Ich habe definitiv die richtige Entscheidung getroffen.“
Zur Erinnerung: Vor ein paar Jahren hatte der ehemalige Diespecker Bürgermeister die Wahl – sich entweder als Nachfolger von Hans Herold von seinen CSU-Parteifreunden für den Landtag nominieren zu lassen, oder die Nachfolge von Helmut Weiß im Landratsamt anzustreben. Letzteres ist es – durch Weiß’ vorzeitigen Abschied ein bisschen früher als gedacht – geworden und von Dobschütz ist damit voll und ganz im Reinen: „Ich bin ein Kommunaler. Das Konkrete, dieses unmittelbare Anpacken, Lösen von Problemen, das ist meins, das bereitet mir Freude.“
Zum Gespräch hat er in jenes kleine Sitzungszimmer geladen, das direkt hinter seinem eigentlichen Büro angesiedelt ist. Da sei es „gemütlicher“, sagt er – angesichts des eher nüchternen Ambientes bereits ein erster kleiner Hinweis darauf, dass von Dobschütz einer ist, der das Glas stets als halb voll betrachtet. Er vermisst sein Team im Rathaus Diespeck („Das habe ich ja mit aufgebaut, die Leute fehlen mir natürlich“), freut sich aber über seine neue „einfach tolle“ Mannschaft. 350 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zählt das Landratsamt, über 80 davon habe er in Gesprächen bereits kennengelernt. „Ich habe das Gefühl, dass alle meinen Weg mitgehen“, sagt er.
Sein Weg? „Na ja, man kann einem Antragsteller gegenüber entweder einen Paragrafen zitieren, oder man kann ihm Verständnis entgegenbringen, auch wenn man seinem Anliegen vielleicht nicht entsprechen kann.“ Kommunikation ist für ihn der Schlüssel zu allem, Empathie, Verständnis, Zugewandtheit. Und Begeisterungsfähigkeit möchte man hinzufügen.
Schon im erfrischend offenen und fairen Wahlkampf mit Dr. Birgit Kreß hatte von Dobschütz immer wieder betont, dass er das Landratsamt gerne ein wenig „umgestalten“ wolle – weg von der „reinen Behörde“, hin zum „Dienstleister“. Für die Kommunen wolle er da sein, sagt der neue Landrat, denn „sowohl die Bürgermeister, als auch ich sind gewählt worden, um unsere Gemeinden und den Landkreis voranzubringen“. Aber eben auch ein Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger wolle er sein, denn „jeder hat das Recht, gehört zu werden“.
Diese Offenheit bringt zuweilen auch Überraschungen mit sich. So hätten ihn Mitarbeiter darauf aufmerksam gemacht, dass ein Großteil jener, die nun das Gespräch mit ihm suchen, im Haus schon länger bekannt sind. „Da sind wohl viele Leute dabei, die bei meinem Vorgänger mit ihrem Anliegen nicht durchgedrungen sind.“ Von Dobschütz stört das nicht: Zwar dürften die Erfolgsaussichten bei ihm auch nicht größer sein, denn „wir können an der jeweiligen Gesetzeslage ja auch nicht viel ändern“, aber das hindert ihn nicht daran, noch mal mit den Betreffenden zu sprechen. Paragrafen zitiert er dabei eher selten, Zuhören, Verständnis zeigen, Empathie – das sind seine Stichworte.
Unabhängig vom Optimismus, den er ausstrahlt – jenseits der guten Absichten und Gespräche gab es auch einige „Top-Themen“, derer er sich möglichst unverzüglich anzunehmen hatte. „Da ging es natürlich um die Geflüchteten“ erzählt er, und wie er es geschafft hat, für Dietersheim trotz bestehender Verträge und Verpflichtungen einen Kompromiss zu finden, den alle mittragen können. „Und dann hatten wir die Idee, aus einer Einrichtung zwei zu machen. Eine, die nach und nach mit höchstens bis zu 50 Personen belegt wird und eine, die nur als Puffer für den Notfall dient.“ Er sagt „wir“ – mit der Floskel vom Landrat als „kleinem König“, der gern und oft allein entscheidet, kann von Dobschütz rein gar nichts anfangen.
Das hat auch Nachteile: „Ich bin ja schon ein Nadelöhr“, sagt er, einer, in dessen E-Mail-Eingang sich die Themen stauen. Aber es sei ja nun einmal so, dass er unmöglich alles, was im Haus passiert, begutachten und entscheiden könne. Er will, er muss und – so hofft er – er kann sich auf seine Sachgebietsleiter verlassen, dass diese die richtigen Entscheidungen treffen, und ihn nur dann einbinden, wenn es wirklich notwendig ist, es um Grundsätzliches geht, um Richtungsentscheidungen. Und wenn nicht? „Dann reden wir darüber und schauen, dass es nächstes Mal besser klappt.“ Nein, schreien und toben und auf den Tisch hauen werde er nicht. „Ich bin kein Choleriker. Vielleicht ist es nötig, dass ich irgendwann mal lauter werde, aber zunächst gilt, dass ich meinen Leuten einfach vertraue.“
Ein weiteres der angesprochenen „Top-Themen“ sind die Krankenhäuser. Da verzieht sich sein Mund ein wenig, das wurmt ihn, macht ihn nervös. „Das Betriebskostendefizit, das gleicht uns niemand aus. Da sind die Zahlen tief rot, das müssen wir zahlen und da geht Geld raus, so viel Geld. Damit könnte man so viel im Landkreis entwickeln, und das geht einfach weg. Das macht mich ganz kirre.“ Gleichzeitig ist er nicht bereit, das Krankenhaus Bad Windsheim zu opfern, einzusparen – im Gegenteil: „Wir haben da eine Idee entwickelt, die wird noch in den Gremien vorgestellt“, sagt er, kann noch nicht mehr verraten. Er will nichts versprechen, was er nicht halten kann, aber eine Klinikschließung steht definitiv nicht auf seiner Agenda.
Würde man eine Umschreibung suchen, eine Metapher, mit der sich seine ersten 100 Tage im Amt skizzieren lassen, dann könnte man – wie es zuweilen schon sein Vorgänger getan hat – das Landratsamt mit einem Schiff vergleichen und den Landrat mit einem Kapitän. Einem recht rastlosen Kapitän möchte man hinzufügen, einem, dessen Motto man als „Mit voller Kraft voraus“ beschreiben könnte.
Er hat Hunderte von Händen geschüttelt, hat zugehört und diskutiert, hat beruhigt und animiert, motiviert, zuweilen auch nur höflich genickt und gerade eine Coronaerkrankung ganz gut überstanden. „Mein Büroleiter Bastian Kallert hat gemeint, jetzt dürfe es auch mal ein bisschen ruhiger werden“, sagt Christian von Dobschütz, zuckt die Schultern und grinst sein typisches Lausbubengrinsen. Und dann wird er ein bisschen ernster: „Zur Zeit läuft alles parallel. Dass ich diese Schlagzahl nicht aufrecht erhalten kann, ist mir schon klar.“