Abgesehen von einem Schild in der East Adams Street schien die Route 66 in Chicago bereits vergessen. Zu sehr war die Metropole des Mittleren Westens mit ihrem eigenen Wandel beschäftigt, als dass sie sich einer Straße erinnern wollte, die vor einem Jahrhundert in und 1985 wieder außer Betrieb genommen wurde.
Doch zum Jubiläum gedenkt selbst die „Windy City“ der Route 66. Gegenüber des Art Institute macht eine Skulptur auf den Beginn der Straße, die im April 1926 ihren Namen bekam und am 11. November 1926 offiziell eröffnet wurde, aufmerksam.
Als erste durchgehende Verbindung von Chicago nach Los Angeles war die 3.945 Kilometer lange Route 66 im Jahr 1926 angelegt worden. Nur wenige Jahre später war sie so etabliert, dass der Schriftsteller John Steinbeck ihr den Ehrentitel „America’s Mother Road“ verlieh.
Auch emotional rückten Osten und Westen der USA durch die Route 66 näher zusammen. Es wundert kaum, dass die verbindende Kraft nach 100 Jahren noch wirkt: Heute ist die 66 eines der letzten Kulturgüter, auf das sich das politisch und gesellschaftlich gespaltene Land noch einigen kann.
Chicago dient dabei bis in die Gegenwart als Sinnbild amerikanischer Dynamik. Hier schossen Ende des 19. Jahrhunderts die Prototypen des modernen Wolkenkratzers in den Himmel. Angetrieben von der Arbeitskraft Hunderttausender Migranten sicherten die Schlachthöfe die Ernährung des Westens. Nur so konnte die Zivilisationsgrenze vorrücken – und nur deshalb wurde eine Straße nach Kalifornien wichtig.
Deren historische Trasse zeigt sich heute erst weit hinter den Suburbs von Chicago. Bereits in Joliet aber wird deutlich, dass es sich bei einschlägigen Sehenswürdigkeiten nicht zwangsweise um Autos, Tankstellen oder Diner handeln muss. Interessanter sind oft beiläufig ins Blickfeld kommende Attraktionen wie das Old Joliet State Prison. Die Haftanstalt erlangte nach ihrer Schließung Ruhm als Drehort der „Blues Brothers“.
Von nun an geht es Schlag auf Schlag. In Wilmington wacht mit dem Gemini Giant der erste Muffler Man über den Highway. Diese oft über fünf Meter großen Figuren waren errichtet worden, um die Aufmerksamkeit der Reisenden auf kommerzielle Angebote zu lenken, in diesem Fall ein Restaurant. Mittlerweile genießt der Riese Denkmalstatus – auch, weil er mit Helm, Rakete und US-Flagge ausstaffiert ist und so den Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit verkörpert.
Ein paar Meilen weiter in Pontiac drängt sich ein weiterer Stopp auf: hier befindet sich die letzte Ruhestätte der Bob Waldmire Road Yacht. Mit dem zum fahrenden Hippie-Wohnzimmer umgebauten Schulbus hat sein Besitzer die Mother Road dutzendfach abgefahren. Seitdem wird Waldmire als Wegbereiter für den Lebensstil des „Van Life“ verehrt.
Kurz vor Saint Louis überquert die Straße den Mississippi – und damit die inoffizielle Grenze zwischen Ost- und Westhälfte der USA. Kraftvolles Symbol hierfür ist der Gateway Arch, ein 192 Meter hoher Bogen aus rostfreiem Stahl, den der finnische Baumeister Ero Saarinen 1965 errichtet hat.
Trotz des architektonischen Optimismus macht das einst prosperierende Saint Louis schwierige Zeiten durch, seit das Flugzeug das Automobil auf der Langstrecke ersetzt hat. Immerhin halten die monumentale Union Station und das Viertel Central West End den Glanz der Vergangenheit aufrecht.
Ebenfalls im Bundesstaat Missouri rückt eine Ikone in den Fokus, die vom Aussterben bedroht ist: das klassische Motel mit Neonschild und dem Hinweis „vacancy“. Die Übernachtungsbetriebe sind gegen die vollklimatisierte Konkurrenz der Ketten zunehmend chancenlos, weshalb oft nur noch ihre Überbleibsel den Weg flankieren.
In spärlich besiedelter Umgebung folgen 13 nostalgische Meilen durch Kansas, ehe die Straße Oklahoma erreicht. Hier entpuppt sich Oklahoma City als überraschend hip. Doch die Stadt ist zugleich eine Hochburg der Cowboy-Kultur, denn sie beherbergt mit den Stockyards die weltweit größte Viehauktion.
Die Landschaft nimmt nun immer dramatischere Züge an, was im Palo Duro Canyon südöstlich von Amarillo seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die nordtexanische Stadt selbst präsentiert sich als Zentrum des Fleischkonsums: Das Lokal „The Big Texan“ ermutigt Gäste, in einem festgesetzten Zeitrahmen ein Zweikilosteak mit Beilagen zu vertilgen. Bei Erfolg entfällt die Rechnung.
An schrullige Episoden dieser Art gewöhnen sich Reisende schnell, egal, ob sie eilig unterwegs sind oder den Grundsätzen des Slow Travel folgen. Wer mag, kommt dabei ganz ohne Klischees aus: Zur akustischen Untermalung eignen sich Minimal Techno oder Beethoven ebenso gut wie „Born to be Wild“ oder ähnliche Gassenhauer. Und wer den Mittelklassewagen durch die Harley ersetzt, erleidet in puncto Freiheitsgefühl selbstredend keine Verluste. Eine beruhigende Erkenntnis für die verbleibenden Kilometer.
In loser Taktung reihen sich die Adobe-Siedlungen New Mexicos, die Drehorte von „Breaking Bad“, der Grand Canyon und das Dorf Seligman aneinander. Dort in Arizona hat der Friseur Angel Delgadillo 1987 bewirkt, dass erstmalig ein Abschnitt der Route 66 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Der Mann ist mittlerweile 98 Jahre alt und gilt als Retter der Mother Road, was die örtlichen Souvenirläden gebührend feiern.
Bliebe noch Kalifornien. Der Westküstenstaat hat die Route in seiner kargen Wüste derart vernachlässigt, dass die aus dem Animationsfilm „Cars“ bekannte Servicestation „Roy’s Motel“ nur auf Umwegen erreichbar ist. Die uramerikanische Landschaft gleicht das mühelos aus.
Wenn sich die Route schließlich im urbanen Dschungel von L.A. verliert, um am Pier von Santa Monica zu enden, liegen gute Argumente für die These auf dem Tisch, dass die Mother Road mehr ist als nur eine Straße. Vor 80 Jahren besang das King Cole Trio erstmals die „Kicks“ eines Roadtrips westwärts auf der Route 66. Und nicht zuletzt kommt eine Reise auf ihr dem Roadtrip des Lebens sehr nahe – auch, weil sie unterschiedliche Lebensräume miteinander verbindet und so dazu beiträgt, ein zuweilen rätselhaftes Land besser zu verstehen.
Reiseziel: Die Originaltrasse der Route 66 führt über 3.945 Kilometer von Chicago nach Los Angeles. Nach zahllosen Änderungen der Streckenführung wurde die Bundesstraße 1985 durch die Interstate 40 abgelöst. Vielerorts sind Trasse und Sehenswürdigkeiten jedoch gut erhalten.
Reisezeit: Die Route 66 ist ganzjährig befahrbar, beste Reisemonate sind Mai, Juni, September und Oktober.
Anreise: Wer die komplette Strecke fahren möchte, sollte einen Gabelflug nach Chicago mit Rückflug ab Los Angeles buchen. Für Mietwagen fällt zusätzlich zu den üblichen Kosten eine Rückführungsgebühr von mehreren hundert Dollar an.
Weitere Informationen: national66.org; route66centennial.org
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